Ungewöhnliche Architektur: Neues Literaturmuseum der Moderne übergeben
zuletzt aktualisiert: 10.01.2006 - 12:53Marbach am Neckar (rpo). Ganz sauber ist es auf der Schillerhöhe im schwäbischen Marbach noch nicht: Es muss noch aufgeräumt werden, bevor das neue Literaturmuseum der Moderne zur Besichtigung geöffnet wird. Das "LiMo" steht in der Geburtsstadt des großen Literaten Friedrich Schiller und ist neben dem Literaturarchiv und dem Schiller-Nationalmuseum ein weiteres Highlight in der Stadt am Neckar. Gebaut wurde es vom britischen Stararchitekten David Chipperfield.
In knapp zwei Jahren Bauzeit wurde das Gebäude fertiggestellt, das durch minimalistische Strenge und eine komplexe Raumaufteilung gekennzeichnet ist. Am Montag übergab Chipperfield das von Bund und Land finanzierte Museum mit einem Kostenvolumen von 11,8 Millionen Euro an die Deutsche Schillergesellschaft. "Wir haben lange auf diesen Tag gewartet", betonte der Leiter des Deutschen Literaturarchivs, Ulrich Raulff. Ursprünglich sollte die Schlüsselübergabe schon vor Ablauf des Schillerjahres 2005 im November stattfinden. Doch bei der Lieferung des reichlich verwendeten Tropenholzes gab es Terminprobleme.
Das neue Museum ist unmittelbar neben dem 1903 entstandenen Schiller-Nationalmuseum angesiedelt, das bislang als weltweit einziges Gebäude galt, das ausschließlich der Ausstellung von Literatur dient. Es überträgt dessen architektonische Merkmale in das 21. Jahrhundert und fügt sich auf den ersten Blick beinahe unscheinbar in das Ensemble auf der Schillerhöhe hoch über dem Neckartal ein. Im Inneren ergeben sich dafür zahlreiche spielerische Kontraste zwischen Fläche und Tiefe, Licht und Dunkel, Offenheit und Geschlossenheit, Ausblick und Einblick.
Hell und Dunkel
In den von Tageslicht durchfluteten Foyerräumen dominieren sandgestrahlter Beton, Muschelkalk und Glas. Sämtliche Ausstellungsräume mit einer Gesamtfläche von rund 1000 Quadratmetern ließ Chipperfield hingegen mit dunklen Tropenhölzern aus nachhaltiger Forstwirtschaft in Brasilien verkleiden. Die für ein Museum ungewöhnliche Ausstattung begründet er mit dem gedämpften Kunstlicht, das zum Schutz der hoch empfindlichen Papierexponate notwendig ist. Weiße Wände würden bei künstlichem Licht grau und kalt wirken. Das Holz bringe stattdessen Wärme in die Räume. Auch sei die Beziehung zwischen Helligkeit und Dunkelheit ein wesentliches Thema des Gebäudes.
Schaufenster des Literaturarchivs
Bis Sonntag finden in dem noch leeren Gebäude unter dem Motto "LiMo - Der Bau" Architekturführungen und Veranstaltungen statt, bevor die Türen zur Vorbereitung der Ausstellungen wieder geschlossen werden. Am 6. Juni eröffnet dann Bundespräsident Horst Köhler das Museum und die Schausammlung zur Literatur des 20. und 21. Jahrhundert. Neben der Dauerausstellungen sind auch zahlreiche Wechselausstellungen geplant, die einzelne Autoren oder Werke zum Thema haben. Die erste widmet sich ab 7. Juli Gottfried Benn.
Museumschefin Heike Gfrereis kann bei ihrer Arbeit aus dem Vollen schöpfen, denn das Deutsche Literaturarchiv verfügt über rund 1100 Schriftsteller- und Gelehrtennachlässe, darunter von Paul Celan, Alfred Döblin, Hermann Hesse, Ernst Jünger, Franz Kafka, Kurt Tucholsky und Carl Zuckmayer. Ein Schaufenster des Archivs werde das Literaturmuseum sein, sagte Archivleiter Raulff. Auf Vollständigkeit erhebt er dabei keinen Anspruch. Die Bestände seien eine "merkwürdige Geröllhalde", gehe doch das Leben von Literaten durch viele Filter.
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