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"Der goldene Hahn"
Wenn's im Kreml acht Mal klingelt

Düsseldorf. Nikolai Rimski-Korsakows "Der goldene Hahn" hatte Premiere im Düsseldorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein. Am Pult stand Generalmusikdirektor Axel Kober. Die Inszenierung versuchte sich an einer Satire aufs zaristische Russland. Von Wolfram Goertz

Das neu eröffnete Restaurant "Der goldene Hahn", das jetzt in den Räumen des Düsseldorfer Opernhauses eingezogen ist, überrascht mit einer feinsinnig komponierten Speisekarte, die den Gast ins alte Russland entführt. Küchenchef Nikolai Rimski-Korsakow liebt es ausgewogen, er überwürzt nichts, meidet beißende Gewürze und mischt gern Kräuter aus der Zarenzeit hinzu. Aus Rimskis Offerten ragten bei unserem Besuch der Königsbariton hervor, ein stattlicher Rinderbraten aus der Ural-Region, der nur gegen Ende sein Aroma verlor, sowie das pflaumensüße Soprandessert Schemacha, das leider in etwas zu üppiger Portion gereicht wurde und unseren Kalorienhaushalt sprengte. Originell die gereimte Menüfolge, die von Beamern an die Wand projiziert wurde. Das Personal unter dem sehr kompetenten Oberkellner Axel Kober bediente den Abend über freundlich, doch nicht mit durchgehend hoher Aufmerksamkeit.

So könnte der Premierenabend mit Rimski-Korsakows Oper "Der goldene Hahn" in der Rheinoper beschrieben werden, weil jeder Gang zu einer völlig unbekannten Oper wie der Besuch eines noch von niemandem empfohlenen und rezensierten Lokals anmutet. Selbst prominente Opernführer-Bücher machen um dieses Spätwerk des Komponisten einen Bogen; allgemein herrscht die Ansicht, es handele sich um eine raffinierte, allerdings nicht durchweg überzeugend gestrickte Parabel über das zaristische Russland. Der im Titel krähende Hahn legt auch hier keine Eier, sondern warnt den betriebsmüden, in Angst erstarrten König Dodon - gemeint ist der Zar - vor mancherlei Gefahren; natürlich ist der Hahn in der Oper ein Sopran, der mit variationsloser Penetranz zum Einsatz kommt. Im zweiten Teil geht es vor allem um die Königin von Schemacha, eine in Selbstverliebtheit erstarrte Pute (ebenfalls Sopran), die dem König die Sinne raubt und dabei leider sehr viel singt.

Man muss schon ein gewisses Faible für landestypischen Humor haben (jene fatalistische russische Komik, die von Puschkin bis Gogol und noch viel weiter reicht), um aus dieser gewiss lebensfreundlichen und netten Oper festere Nahrung zu ziehen. Es gab anfangs einige Lacher, als der König im Badezuber saß, dann von einer Batterie von Telefonen in den Alarmzustand versetzt wurde und sich schließlich aus Ehrfurcht vor der fremden Königin fast in die Hosen machte (die sie ihm bald eigenhändig herunterließ). Aber auf Dauer beschlich einen an diesem Abend ein merkliches Hungergefühl, das auch die Musik nicht zu sättigen vermochte. Rimski-Korsakows Partitur kam uns vor wie ein Borschtsch, der in Armenhäusern und Gefängnissen verteilt wird - dünne Suppe, maximal verlängert, täglich gleich, wenig Abwechslung.

Natürlich ist der Komponist ein exzellenter Handwerker, der aparte Klangfarben aus dem Orchester zaubert, doch mangelt es an jenen Geniefunken, die wie Blitze musikalischer Satire in die Ödnis fahren (und die bei Komponistenkollegen wie Schostakowitsch und Prokofieff starke Früchte trugen). Man könnte sagen: Wir hörten die herbstliche Gelassenheit eines Komponisten, der in seiner letzten Oper nicht mehr das ganz große Kino erfinden möchte. Und weil die Düsseldorfer Symphoniker vor allem in den Streichergruppen nicht mit allerletzter Akkuratesse musizierten, entstand ein wenig der Eindruck, sie wollten sich des Stücks entledigen, statt es zu retten.

Die Inszenierung von Dmitry Bertman bediente sich eines ästhetischen Funktionalismus, der mit Drehbühne, mobilen Wandelementen vom Schnürboden und typischer Übertreibungsgestik die Ironie lebendig halten wollte. Das gelang nicht immer, denn leider mussten alle Sänger ziemlich mit den Augen rollen, was eine kollektive neurologische Störung befürchten ließ und die erwünschte Satire ins allzu Karikaturenhafte überzeichnete. Nach einer Intervention des Veterinäramtes war übrigens ein lebendiger Hahn im Käfig auf der Bühne aus Gründen des Tierschutzes untersagt; wir hoffen inständig, dass der im weiteren Verlauf von Dodons Sekretärin Amelfa verspeiste Flattermann echt und nicht zu zäh war. Die Sänger indes waren großartig. Boris Statsenko, aus dem Moskau-fernen Ural gebürtig, gab einen König, der vom Dröhnen ins Jammern fiel und nie ausglitt; Corby Welch und Roman Hoza gefielen als milchbubenhafte Söhne, die in der Schlacht umfallen wie Zinnsoldaten. Vom Rang stieß der Hahn (Eva Bodorova im Goldfederkostüm) alle paar Minuten durchdringende Warnrufe aus. Antonina Vesenina sang die Königin von Schemacha mit Imposanz; ihre Rolle erinnerte jedoch an jenen Typ Frau, die mit jedem Mal, da sie den Mund aufmacht, an Attraktivität verliert. Den gellenden Astrologen, sozusagen den Propheten aus der Freilandhaltung, sang Cornel Frey mit einer Höhenschärfe, die an vokales Curry erinnerte. Pompös Renée Morloc als Amelfa; großartig der von Christoph Kurig einstudierte Chor.

Diesem "goldenen Hahn" mangelt es sozusagen an Brust und Keule. Doch für einen netten Abend ist er ganz okay.

Quelle: RP
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