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Berlin
Nirgends Hoffnung in der Türkei

Berlin. Nurkan Erpulat wirft in Berlin einen traurigen Theater-Blick auf seine Heimat. Von Frank Dietschreit

Sechs Personen hocken in einem mit allerlei Krimskrams und Nippes vollgestopften Raum. Einer hält sich in stummer Verzweiflung an einer Bananenstaude mit EU-Aufkleber fest. Eine Frau hockt am Boden, einen Strick um den Hals, wartet auf den Tod. Eine andere beginnt, den alten Song der Doors anzustimmen, mit dem schon Francis Ford Coppola den Vietnam-Krieg als Vorstufe zum Weltuntergang ("Apokalypse Now") in Szene setzte: "This is the end, beautiful friend."

Die Zukunft ist vorbei, die Türkei ein Gefängnis. Eine halbe Stunde lang geht das so, eine Theater-Ewigkeit. Schon jetzt ist klar: keine Hoffnung, nirgends. Wir könnten eigentlich aufstehen, das Berliner Maxim Gorki Theater verlassen und bedröppelt nach Hause gehen. Doch dann nehmen uns Regisseur Nurkan Erpulat und sein Text-Dichter Emre Akal mit auf eine groteske Reise nach Absurdistan, und wir sehen ein Land, in dem sich die Menschen von politischen und religiösen Führern bevormunden und manipulieren lassen und die Demokratie längst begraben wurde. Nach zwei Stunden und vielen bizarren Alptraum-Szenen aus dem Unterdrückungs-Apparat werden wir wieder dort sein, wo alles begann: Erneut hält sich ein Mann an den Bananen fest, wieder wartet eine Frau mit dem Strick auf ihre Hinrichtung. Nur die Kraft, das Lied von der Apokalypse zu singen, fehlt: das wirkliche Ende kennt keine Noten.

Der türkische Regisseur Nurkan Erpulat, dessen "Verrücktes Blut" (2011) zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, ist der Shooting-Star des postmigrantischen Theaters. Jetzt nimmt er die Aufforderung der türkischen Nationalisten - "Love it or leave it" - satirisch auf und fragt sich, ob man die Türkei, so wie sie sich derzeit darstellt, wirklich lieben kann oder nicht doch besser verlassen sollte. Doch erst einmal muss man sie verstehen. Der zwischen Melancholie und Wut schlingernde Abend erliegt nicht der leichten Versuchung, mit ideologischen Phrasen zu arbeiten und mit dem politisch korrekten Finger auf eine in die Diktatur wegdriftende Türkei zu zeigen. Erpulat interessiert sich mehr für die privaten Details, die archaischen Strukturen, religiösen Einflüsterungen, die jeden Fortschritt und jedes Aufbegehren abwürgen.

Ein ziemlich überdrehter Theater-Reigen, enthemmtes Tohuwabohu mit höherem Sinn und tieferer Bedeutung. Kein billiges Erdogan-Bashing, sondern ein trauriger Blick in die zerrissene Seele des Landes. Wie es weitergehen könnte? Erpulat weiß es nicht, woher auch?

Quelle: RP
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