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Mainz/Koblenz
Oboisten arbeiten gar nicht zu wenig

Mainz/Koblenz. Der Landesrechnungshof Rheinland-Pfalz schimpft über Orchestermusiker - ohne Ahnung zu haben. Von Wolfram Goertz

Ahnungslosigkeit ist ein verbreitetes Phänomen, das in allen Etagen und Ebenen des täglichen Lebens anzutreffen ist. Besonders originell ist es, wenn sich Ahnungslose zu Volksrednern aufschwingen, die frei von Kompetenz der Welt die Dinge erklären wollen.

Ein elementarer Fall von Ahnungslosigkeit hat sich jetzt in Rheinland-Pfalz zugetragen. Der dortige Landesrechnungshof sieht nämlich ein hohes Einsparpotenzial bei den drei vom Land finanzierten Kulturorchestern in Mainz, Koblenz und Ludwigshafen. Die Musiker würden vom Land zwar übertariflich bezahlt, aber seltener eingesetzt als tariflich möglich. Bei einigen Instrumenten, etwa Klarinetten, Oboen, Fagotten und Hörnern, würden weniger als zwei Drittel der zu leistenden Dienste erbracht. "Platt ausgedrückt" würden die Orchestermusiker weniger arbeiten, als sie eigentlich müssten, sagte Rechnungshofchef Klaus Behnke in Mainz bei der Vorstellung seines Jahresberichts.

Der Rechnungshof hatte die Arbeit der Rheinischen Philharmonie Koblenz, der Deutschen Staatsphilharmonie in Ludwigshafen und des Mainzer Staatsorchesters einer umfangreichen Prüfung unterzogen. "Wie viel Kultur kosten darf, auch darüber darf und muss man reden", sagte Behnke. Er kritisierte, dass die vom Land Rheinland-Pfalz 2006 eingeleitete Orchesterreform nur unvollständig umgesetzt worden sei. Der damals beschlossene Stellenabbau von 253 auf 212 sei nur teilweise erfolgt. Im Haushalt für 2015 seien noch 15 Planstellen mehr ausgewiesen als ursprünglich beschlossen.

Auch die vorgesehene stärkere Zusammenarbeit der drei Orchester habe keinen wirtschaftlichen Nutzen gebracht. So seien durch Kooperationen über mehrere Jahre hinweg zwar Einsparungen von 500.000 Euro erzielt worden, allerdings zu dem Preis, dass das Land einen Koordinator anstellte, dessen Personalkosten die eingesparten Beträge sogar noch überstiegen. Den Mehraufwand für die übertarifliche Bezahlung der Musiker beziffert der Rechnungshof auf jährlich 1,1 Millio- nen Euro. Behnke regte an, dass die nicht ausgelasteten Musiker sich im Gegenzug stärker in der musikpädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen engagieren.

Die Landesregierung reagierte zurückhaltend auf die Kritik. "Das Kulturministerium hält angesichts der kulturellen Bedeutung und des Imagegewinns, den die Landesorchester für das Land haben, die rein fiskalische Bewertung der Orchester mit dem Rotstift für nicht angemessen", erklärte ein Sprecher. Die tarifliche Eingruppierung der Musiker erfolge nach dem Grundsatz, die hohen Qualitätsstandards der Orchester zu sichern. Bei den vom Rechnungshof angemahnten nicht ausgereizten Diensteinsätzen handele es sich um Höchstgrenzen und nicht um eine Sollarbeitszeit.

Man sieht: Die Landesregierung hat ebenfalls keine Ahnung. Zwar argumentiert sie orchesterfreundlich, aber nicht kenntnisreich. Ein Orchester könnte natürlich - beispielsweise - nur zwei Oboen einstellen; aber dann kann es nur einen Teil des Repertoires spielen und muss etwa für größere romantischen Symphonien und für moderne Kompositionen stets Aushilfen engagieren; die wären in der Summe dann deutlich teurer. Außerdem sollten Landesrechnungshöfe wissen, dass Musiker (vor allem wenn sie wie Oboisten an exponierten Positionen spielen) häufig daheim üben und auch viel Zeit für die Wartung ihrer Instrumente und das Bauen von Rohren (Mundstücken) verwenden.

Quelle: RP
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