| 09.40 Uhr

Düsseldorf
Öffentliche Kunst lebt gefährlich

Düsseldorf. Immer häufiger fallen Werke in den Städten Vandalismus zum Opfer. Erst jüngst wurden in Münster viermal Skulpturen beschädigt. Von Lothar Schröder

Es fehle diesen Menschen "an Respekt vor der schöpferischen Kraft", erklärte Münsters Bürgermeister Gerald Frank. Und: "Dieser Vandalismus ist kriminell" und schade dem Ansehen der Gemeinde. Wie zutreffend erscheint dies angesichts der zahlreichen Kunstzerstörungen auf der aktuellen Münsteraner Skulptur-Projekte-Schau. Doch die Worte Franks sind schon ein Jahr alt und meinen die Beschädigung von "Über-See", einer anderen großen Raumskulptur von Roger Rigorth. Also immer wieder Münster? Das tiefste Westfalen demnach ein Landstrich der Kunsthasser? Keineswegs, denn mit Vandalismus gegen Kunst im öffentlichen Raum haben inzwischen viele Kommunen zu kämpfen.

Natürlich steht Münster derzeit mit der großen, nur alle zehn Jahre stattfindenden Schau besonders im Blickpunkt. Ein Spot, der offenbar auch mutwillige Kunstzerstörer inspiriert. Nachdem dort zunächst das LED-Kunstwerk des Japaners Ei Arakawa und gleich zweimal das Figuren-Ensemble "Sketch for a Fountain" von Nicole Eisenman schwer beschädigt wurden, entwendeten jüngst Unbekannte die technische Ausrüstung eines Projektes von Koki Tanaka. Münster reagiert so, wie man reagiert, wenn man eigentlich machtlos ist: mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Welcher Art das sein könnte, wird nicht verlautet - aus Sicherheitsgründen.

Ausgerechnet moderne Kunst, die ein Zeichen von Weltoffenheit und freiem Denken ist, bedarf des rigorosen Schutzes. Die Maßnahmen dürften vorerst noch dezent sein. Doch der Charakter der Skulptur Projekte und die vormalige Selbstverständlichkeit der gezeigten Werke könnte beschädigt sein. Münster ist kein Einzelfall. Und der Verdacht liegt nahe, dass im Vandalismus durchaus Spuren eines wachsenden Unverständnisses sichtbar werden. Offenbar könne "die Gesellschaft nicht mehr mit Dingen umgehen, die sie nicht versteht", so der Düsseldorfer Künstler und Professor Mischa Kuball. Den 57-Jährigen erinnert das schon an "Bilderstürmerei". Nach seinen Worten gehen die Menschen immer weniger mit Fragen auf die Werke zu, sondern antworteten mit Zerstörung.

Beispiel Wuppertal Dort gibt es die Skulptur eines Bankers von Guillaume Bijl. "Ein neuer erfolgreicher Tag" ist ihr Titel, der Volksmund aber nennt sie bloß den "Handstandmann". Diese heimische Aneignung hat sie seit 2008 nicht vor vielen Zerstörungen bewahrt: Mehrfach wurde die Krawatte abgebrochen - einmal auch in der Nacht zum Rosenmontag; bereits zwei Mal wurde der schwere Aktenkoffer aus der Verankerung gerissen. Von Buntmetalldieben, vermutet man. Jetzt ist der Koffer aus extrem hartem Kunststoff.

Beispiel Mönchengladbach Dort dauerte es nur eine Woche nach der offiziellen Einweihung, bis einem der bronzenen Esel auf dem Sonnenhausplatz der komplette Schwanz abgebrochen wurde. Der Esel ist Teil des Kunstwerks "Donkey's Ways" von Rita McBride, der früheren Direktorin der Kunstakademie. Nur kurze Zeit nach der Restaurierung folgte die gleiche Beschädigung. Schließlich lieferte das niederländische Unternehmen, in dessen Werkstatt die sieben Esel gegossen worden waren, neue, materialverstärkte Schwänze. Seither herrscht Ruhe; aber nicht nur das: Die Esel sind von den Menschen der Stadt fröhlich angenommen worden.

Beispiel Düsseldorf Im Juni wurde auf dem zentralen Burgplatz die Skulptur "Stehende Frau" von Hannelore Köhler zerstört. Zumindest konnten die Einzelteile gesichert und eine Restaurierung dadurch möglich werden. Des Öfteren beschädigt werden zudem die Leuchtbänke von Stefan Sous auf der Reitallee des Hofgartens.

Beispiel Köln Die Domstadt kann aktuell nicht klagen. Und das, so hofft sie, verdankt sie dem Instrument des Monitorings. Außenskulpturen werden dabei von Restauratoren regelmäßig sowie engmaschig begutachtet und kleinere Schäden direkt behoben. Seither, so die Stadt, sei die Zahl der Beschädigungen deutlich zurückgegangen.

Beispiel Krefeld "Glückliche" Seidenweberstadt. Zuletzt wurden "lediglich" sechs Schwanenküken aus Bronze von einem Brunnen entwendet - ein mehr oder weniger klassischer Fall von Materialraub. Vor zwei Jahren bekam der Brunnen zudem wieder Küken-Nachwuchs.

Beispiel Duisburg Ärger hat es hingegen die Montanstadt getroffen. So raubte man die 2,30 Meter große Pandora-Skulptur von Edwin Scharff (1887-1955). Vermutlich hatten es die Täter auf die Bronze abgesehen. Wiederholt zerstört und gestohlen wurden großformatige Fotografien der sogenannten Outdoor-Galerie am Ruhrorter Leinpfad. Dabei gingen die Täter so rabiat und unsachgemäß zu Werke, dass finanzielle Motive ausgeschlossen werden können. Am aufsehenerregendsten aber ist das Schicksal des rosa-blonden, neun Meter hohen "David" des Düsseldorfer Künstlers Hans-Peter Feldmann. Die Figur - Michelangelos Vorbild nachempfunden - ward über Nacht entmannt. Nach aufwendiger Restaurierung wurde die Figur später endgültig abgebaut; Wetterschäden hatten der Monumental-Skulptur zugesetzt. Vergessen sind die großen, biblischen Worte, die zur Aufstellung der Figur zitiert wurden. Danach ist David ein Symbol der Unerschrockenheit, List und Schönheit.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Öffentliche Kunst lebt gefährlich


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.