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Ben Becker
"Ohne Judas kein Erlöser"

Der Schauspieler kommt zu einem Theaterabend, bei dem sich alles um Judas Ischariot dreht, in die Düsseldorfer Johanneskirche. Von Barbara Steingiesser

Düsseldorf Sein erstes Engagement an einem öffentlichen Theater hatte der Schauspieler Ben Becker 1988 in Düsseldorf. Nun kehrt er mit der Inszenierung "Ich, Judas", in der es um den Ur-Verräter aus der Bibel geht, für einen Abend an den Rhein zurück, in die Johanneskirche. Im Interview spricht er über Kirche, Kommunismus und Kunst. Und er erinnert sich an Düsseldorf.

Ist Düsseldorf aus Ihrer Zeit am Schauspielhaus noch in ihrem Gedächtnis?

BECKER Ja, und nicht nur aus dieser Zeit. Gewohnt habe ich damals in einem Loft bei einem Maler im Hafen. Ich fand das ganz toll: Man ist morgens aufgewacht, hat rausgeguckt und gesehen, wie die Schiffe vorbeifahren.

Und was verbindet Sie noch mit der Stadt?

BECKER Als Jugendlicher war ich ab und zu im "Ratinger Hof", weil ich mit dem Sänger von Mittagspause, später Fehlfarben, befreundet war. Wir haben uns hier aber auch getroffen mit der Deutsch Amerikanischen Freundschaft, Gabi Delgado. Düsseldorf ist ja immer offen gewesen für Kunst. Und ich denke durchaus, dass man das Wagnis eingehen darf, eine Parallele zu ziehen zu Berlin. Ob wir nun von Lüpertz, Oehlen oder Kippenberger reden.

Was würden Sie machen, wenn Sie heute einen freien Tag in Düsseldorf hätten?

BECKER Campino anrufen und den besuchen. Das wär' doch was Schönes! Und dann gibt's da hinter uns ein Riesenrad. Da setze ich mich vielleicht heute noch rein und fahre einmal rum.

Nun zu dem, was Sie aktuell nach Düsseldorf führt. Worum geht es in "Ich, Judas"?

BECKER Schuld, Verrat. Wer hat wen verraten? Wer hat Schuld? Das ist gerade jetzt ein sehr interessantes Thema.

Inwiefern?

BECKER Wir haben ja momentan diese Völkerwanderung, was ein unglaubliches Phänomen ist und Geschichte zum Anfassen. Neulich habe ich in der Tagesschau gesehen: Da gehen die zu Fuß bei 10 Grad unter null durch den winterlichen Balkan. Es schneit, und die Kamera schwenkt auf eine Mutter, die ihr Kind an der Brust trägt. Sie ist vielleicht unterwegs Richtung Bremerhaven oder so. Da frage ich mich: Wer hat die Frau verraten? Wer hat Schuld? Die geht da ja nicht freiwillig hin. Und wie kommen Leute darauf, auf die Straße zu gehen und zu sagen: "Alle raus!" Und eben dieser Mutter, die irgendwann erschöpft mit ihrem Kind ankommt, einen Molotowcocktail in ihr Feldbett zu werfen?

Haben Sie grundsätzlich Interesse an großen Themen?

BECKER Ja. Da bin ich Kind meiner Väter. Ich hatte glücklicherweise zwei und habe immer noch einen Vater. Ich bin Theaterkind. Und wenn wir Theater spielen, sind wir nicht bei RTL2. Wenn Sie an Tschechow, Shakespeare oder Brecht denken, dann sind das immer große Themen, die da behandelt werden.

Ist es denn nicht noch etwas grundlegend anderes, sich an die Bibel heranzuwagen?

BECKER Vor der Bibel braucht man keine Angst zu haben. Sondern man sollte sagen: Ich lese darin und guck mal, was mir das sogenannte Buch der Bücher zu sagen hat. Und ich, als Kind der 68er-Generation, der da nie etwas mit zu tun hatte, habe mir gedacht: Was macht das mit einem?

Und?

BECKER Ich habe Parallelen gefunden zu der Philosophie, die man mir als Kind mit auf den Weg gegeben hat. Mein Vater ist Kommunist, ich glaube immer noch, und ich behaupte das von mir selber auch. Ich rede nicht über den ehemals real existierenden Sozialismus, sondern über die philosophische Grund-Idee, die ich wie ein kleiner Junge auf ganz naive Weise einfach schön finde: Alle Menschen werden Brüder.

In "Ich, Judas" spielen Sie - wie so oft - den Bösen. Was reizt Sie denn daran?

BECKER Ich mag die Formulierung nicht. Denn die Behauptung "der ist böse" ist ja genau das, was Walter Jens in Frage stellt. Bei ihm sagt Judas: "Ohne mich kein Erlöser, aber ohne mich auch kein Pogrom." Wir können doch jemanden, der sich derart mit sich selber auseinandersetzt, nicht von vornherein als Bösen aburteilen.

Worin unterscheiden sich die Deutungen von Walter Jens und Amos Oz?

BECKER Walter Jens wird persönlicher. Das geht uns alle an, jeden Einzelnen. In dieser "Verteidigungsrede" gibt es auch eine Art Publikumsbeschimpfung: "Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?" Da merke ich, dass die Leute sich angesprochen und vielleicht zum Teil auch schuldig fühlen. Eine solche Anklage erhebt Amos Oz nicht. Er erzählt eine Geschichte. Ich beginne mit dem Matthäus-Evangelium, um insgesamt drei verschiedene Sichtweisen zu präsentieren. Es ist also ein Triptychon.

Ist das Ziel am Ende, das Publikum dazu zu bringen, alles zu überdenken? Gut und Böse neu auszuloten?

BECKER Na ja, ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Das fände ich überheblich. Ich kann ja nicht mehr machen, als eine Kunst-Installation auf die Bühne zu stellen. Wenn ich ein Bild male, und Sie rufen zwei Tage später an und sagen: "Hör mal, Ben, dein Bild geht mir nicht aus dem Kopf." Dann hab ich doch schon ein bissel was geschafft. Ich kann ja nur das verarbeiten, was ich da draußen beobachte. Wie der Narr bei Shakespeare. Der zeigt dir den Spiegel. Der Einzige, der das darf vor dem König, ist der Narr. Und der Job gefällt mir.

Apropos Bild: Judas ist in der Inszenierung weiß gekleidet. Führt uns das vor Augen, dass er nicht mehr lebt oder dass er von Schuld freigesprochen werden sollte?

BECKER Es ist ein Lammledermantel, den er trägt. Hat er also das Lamm geschlachtet und sich sein Opfer übergehängt? Oder ist er selber unschuldiges Lamm? Ich hab mir gedacht: Wie sieht der aus? Trägt der eine Uniform der Berliner Stadtreinigung? Oder was mach ich mit dem? Und dann fand ich es spannend, ihn in Weiß als Engel daherkommen zu lassen.

Welche Rolle spielt die Musik in der Inszenierung?

BECKER Die Musik, Matthäus-Dingsbums von Bach, ist ja von Walter Jens vorgegeben. Und wenn der Chef das schreibt, dann werde ich dem nicht in die Quere kommen. Der Herr Sieling ist einer der größten Organisten, die wir haben in Deutschland. Und der soll an diesem Abend auch auf seine Kosten kommen. Und sich ausprobieren. Und sagen, was er zu sagen hat. Von da oben, von der Empore. Da kommt schon was rüber.

Quelle: RP
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