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Kardinal Reinhard Marx
"Ohne Religionsfreiheit kein Fortschritt"

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz sprach bei einer Vietnam-Reise auch mit kommunistischen Politikern. Von Lothar Schröder

Hanoi Neun Tage währte die Vietnam-Reise von Kardinal Reinhard Marx. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz besuchte unter anderem Hanoi und Ho-Chi-Minh-City. Seine geplante Reise in die zentralvietnamesische Stadt Vinh - wo unter anderem eine Unterredung mit dem dortigen Bischof Nguyen Thai Hop vorgesehen war - wurde von den staatlichen Behörden untersagt. Auch die Religionsfreiheit wurde so zum aktuellen Thema.

Vor Antritt Ihrer Reise hofften Sie, in Vietnam auf eine lebendige Kirche zu treffen. Was haben Sie vorgefunden?

Marx Ich bin einer sehr lebendigen Kirche begegnet. Die große Mehrheit der vietnamesischen Bevölkerung ist jünger als 35 Jahre. Das prägt auch die Kirche. Vitalität und Enthusiasmus bestimmen das Bild. Besonders in den großen Gottesdiensten habe ich das gespürt. Hinzu kommt: Die Kirche in Vietnam hat Jahrzehnte einer sehr schweren Zeit hinter sich. Sie hat sich aber nicht brechen lassen. Diese Erfahrung hat bei vielen zu einer großen inneren Freiheit beigetragen.

Kaum sieben Millionen Katholiken leben in Vietnam - bei einer Einwohnerzahl von 95 Millionen Menschen. Wird in der Diaspora der Glaube aus Ihrer Sicht anders gelebt? Und was können wir in Deutschland dann von den Vietnamesen lernen oder begreifen?

Marx In Ostdeutschland gibt es auch extreme Diaspora-Situationen, nicht nur für die Katholiken, sondern für die Christen insgesamt. Minderheiten - ob bei uns oder etwa in Vietnam - zeigen, dass es nie nur auf die bloßen Zahlen ankommt, sondern vor allem auf die Ernsthaftigkeit des Zeugnisses und die Freude darüber, Christ zu sein. Gerade in den christlichen Hochburgen in Deutschland wird manches Mal zu viel lamentiert und der Vergangenheit nachgetrauert. Die Kirche ist aber dann attraktiv und der Glaube ansteckend, wenn die Christen sich auf die Gegenwart Gottes beziehen und hoffnungsfroh auf die Zukunft zugehen. In Vietnam spürt man genau das.

Ihr Besuch hatte in gewisser Weise auch einen politischen Charakter, indem sie die bedrohte Religionsfreiheit einforderten. Dieses Thema ist nicht allein für Vietnam aktuell. Wird der Kampf um die Freiheit der Religion zunehmend unser 21. Jahrhundert bestimmen?

Marx Tatsächlich hatte ich Gelegenheit, die Frage der Religionsfreiheit nicht nur in Predigten, sondern auch in Begegnungen mit kommunistischen Politikern anzusprechen. Die derzeitige Politik der Regierung ist ambivalent. Einerseits gibt es Einschränkungen der Religionsfreiheit, andererseits haben die Religionen sehr viel größere Möglichkeiten als noch vor einigen Jahren. Es gibt mittlerweile eine sehr große Zahl von Frauen und Männern, die Ordensgemeinschaften beitreten oder ins Priesterseminar gehen, nachdem der Staat seine Politik der Einschränkungen und Repressionen faktisch aufgegeben hat. Diese Fortschritte sollte man anerkennen, ohne sich damit zufrieden zu geben.

Welche aktuellen Diskussionen werden denn geführt?

Marx Derzeit drehen sich die Diskussionen um ein neues Religionsgesetz. Wird die Überwachung des kirchlichen Lebens verschärft oder erhält die Kirche neue Chancen, ihre soziale und erzieherische Arbeit zum Nutzen der Menschen auszubauen? Das war das Thema der Gespräche mit Regierungsvertretern. Wahrscheinlich ist ihre Vermutung zutreffend: Der Kampf um die Freiheit der Religion ist ein zentrales Zukunftsthema - vor allem in Asien und im Mittleren Osten. Wir müssen deutlich machen: Ohne religiöse Freiheit für alle kann es dauerhaft weder echten Frieden noch menschlichen Fortschritt geben. Ich hoffe, dass Religionsfreiheit für die gesamte Gesellschaft echte Freiheit bedeuten wird.

Diese Frage stellt sich mit Macht derzeit auch in Deutschland; vor allem mit den Flüchtlingen, die ihre Religionen und ihre Kulturen ins Land bringen. Muss die katholische Kirche in Deutschland nicht mehr sein als "nur" ein Helfer akuter Not?

Marx Das ist richtig, auch wenn es in drängender Not erst einmal darauf ankommt, Menschen mit dem Allernötigsten zu versorgen - wobei sich viele christliche Gemeinden in Deutschland während der zurückliegenden Monate in bewundernswerter Weise ausgezeichnet haben. Als Kirche schulden wir dies unserer Gesellschaft und besonders denen, die neu zu uns gekommen sind, aber auch das Zeugnis, dass das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit möglich ist. Wir können hier auf die langjährige Erfahrung zurückgreifen, in denen Christen Muslimen geholfen haben, ihren Platz in der modernen freiheitlichen Gesellschaft zu finden.

Quelle: RP
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