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Olympia 1936 - Hitlers Spiele

Zwei Wochen lang machten die Nazis Propaganda. Das Buch dazu enttäuscht. Von Frank Vollmer

Die Olympischen Sommerspiele 1936 kamen den Nazis wie gerufen: Eine bessere Gelegenheit, der Welt einerseits das Organisationstalent, andererseits die angebliche Friedfertigkeit des Regimes vor Augen zu führen, war kaum vorstellbar. 80 Jahre ist das nun her, und der Historiker und Publizist Oliver Hilmes hat dazu ein Buch vorgelegt.

Hilmes, Jahrgang 1971, ist bisher mit Biografien, etwa über Alma Mahler-Werfel ("Witwe im Wahn") und Cosima Wagner ("Herrin des Hügels"), hervorgetreten. Mit seinem neuen Buch "Berlin 1936", das im Titel freundlicherweise auf ähnliche Brachial-Alliterationen verzichtet, wagt er sich nun an die Geschichte des Nationalsozialismus.

Besonders gelungen ist der Versuch nicht. Hilmes versammelt viele Versatzstücke zu einem Mosaik und präsentiert das Ganze chronologisch, wie der Untertitel sagt: "Sechzehn Tage im August". Auftritte haben die Unvermeidlichen - Joseph Goebbels, Regisseurin Leni Riefenstahl, Sportstar Jesse Owens -, aber auch etwa der US-Schriftsteller Thomas Wolfe, der in Berlin zu Gast ist, und die Kneipenwirtin Änne Maenz. Das ist ein beeindruckendes Panorama mit vielen Episoden. Es fehlt ausgerechnet die Jüdin Gretel Bergmann, der das Regime die Teilnahme verwehrte. Gegen die Montagetechnik ist grundsätzlich nichts zu sagen; schwieriger ist schon Hilmes' Stil, der vor Floskeln und Kalauern nicht zurückschreckt. Da heißt es "Der Scheck heiligt die Mittel", Stadien platzen "aus allen Nähten", Gäste eines Empfangs "schwingen das Tanzbein", Sportfunktionär Carl Diem hat an einem Tag "unzählige" Termine. Insgesamt hätte man sich vom Lektor eines renommierten Verlags wie Siedler mehr Einsatz gewünscht.

Wirklich ärgerlich ist aber eine gewisse banale Nonchalance. Beispiel: "Hitler dreht sich um und sagt irgendwas zu den hinter ihm sitzenden Männern." Was denn? Wissen wir nicht. Wolfe stellt "vielleicht" den Wecker einfach aus, "vielleicht wirft er ihn vor Wut aber auch in die Ecke". Was soll das? Und Owens "zweifelt keine Sekunde daran, dass er heute seine dritte Goldene gewinnen wird". Diese Erkenntnis hat der Autor wohl exklusiv. Immer wieder werden Protagonisten mit Vornamen angeredet, was den Eindruck der Geschwätzigkeit verstärkt.

Hilmes kombiniert Eindrücke der Propaganda mit Szenen der Repression, etwa aus dem Internierungslager der "Zigeuner" in Marzahn. Hinter den Kulissen ging die Unterdrückung weiter. Unverständlich ist allerdings, dass er am Ende die These übernimmt, die Spiele hätten praktisch unisono ein positives Echo im Ausland gefunden. Ein Blick zum Beispiel in Peter Longerichs neue Hitler-Biografie vermittelt ein ganz anderes Bild: Die Reaktionen waren geteilt, die Propaganda war durchschaubar. Der promovierte Zeithistoriker Hilmes ist hier schlicht nicht auf dem Stand der Debatte.

Quelle: RP
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