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Düsseldorf
Ovationen für den neuen Chefdirigenten

Düsseldorf. Mit Sinfonien von Joseph Haydn und Gustav Mahler hat der Ungar Ádám Fischer seine Amtszeit als erster Konzertdirigent der Düsseldorfer Symphoniker in der Tonhalle begonnen. Hinterher gab es gewaltigen Jubel. Von Wolfram Goertz

Jetzt ist die Mühsal vergessen, das Warten hat ein Ende, der neue und heiß ersehnte Chefdirigent der Düsseldorfer Symphoniker ist da. Aber allgegenwärtig wird er keineswegs sein: Ádám Fischer wird sich in der Landeshauptstadt rar machen, weil sein Zeitplan eng ist. Das macht nichts. Umso größer die Vorfreude auf seine Konzerte.

In diesen Auftritten werden viele Hörer Abschied von Maestro-Posen nehmen müssen. Auch Fischer hat sie aus dem Eff-eff gelernt, aber manche Dirigenten mögen's eben heiß, nervös und spontan - und deshalb trennen sie sich von jenen entbehrlichen Kommandos, denen sie ohnedies misstrauen, weil sie nur Eitelkeiten auf der Benutzeroberfläche sind. Auch Fischer lässt sich am liebsten vom Augenblick überwältigen. Der Ungar legt beispielsweise den Taktstock oft in die linke Hand, um mit dem rechten Zeigefinger seine Kreise zu ziehen oder in Melodien zu pulen, damit das Blut stärker fließt. Sein Einstandskonzert, das einer Sensation gleicht, zeigt ihn als Enthusiasten, der bis zum lichten Haar mit Musik gefüllt ist. Sie will aus ihm heraus, wobei ihn dieser Überdruck niemals plagt, denn er liebt die Werke, die er aufführt. Dieses Gefühl, dass da oben einer mit Passion das Allergrößte hegt und pflegt, steckt an.

Fischer dirigiert Haydns 88. Sinfonie und Mahlers Siebte, zwei Werke, die er kennt wie alte Nachbarn. Partituren sind überflüssig, er hat die Musik in seinem Kopf kartografiert, aber er verbaut und klinkert sie nicht - sie ersteht, indem er sie aus den Musikern herausströmen lässt, die er in den Proben infiziert hat. Im Konzert scheint Fischer lediglich ihr Mutmacher, der ihnen die Intensität des Klangs vermittelt. Er ähnelt jenem Typ von Fußballtrainer, der auch bei einer 9:0-Führung noch bedingungslos stürmen lässt. Zugleich freut er sich mit dem Orchester, wenn eine schwere Phrase klappt, dann fährt sein linker Daumen hoch, oder er strahlt übers Gesicht. Fischer lobt sehr viel an diesem Abend, denn die Symphoniker spielen hinreißend, wie entfesselt. Sie wollen, dass Fischer lange bleibt.

Auf dem Podium stehen Mikrofone des Deutschlandfunks, Fischer wird hier einen Gustav-Mahler-Zyklus für CD aufnehmen, da sitzen Musiker immer vorn auf der Stuhlkante. Dazu kommt Fischers Unbedingtheit, die alle wachhält. Durch Haydns geistreich zwinkernde Welt führt er wie ein Dozent der Humorakademie. Seine Leitsätze an die Musiker: Achten Sie darauf, dass Haydns Pointen sitzen! Dosieren Sie Ihre Effekte! So steht die Sonne des Vergnügens hoch über dieser Musik, trotzdem überhitzt Fischer sie nicht. Fast surreal - so ist diese Sinfonie eben auch - wird das im langsamen Satz, wenn Akkordschläge wie Blitz und Donner gleichzeitig explodieren, oder im Trio, das mit seinen bärbeißigen Bordun-Quinten etwas köstlich Verschrobenes bekommt.

Schon für Haydn gab es Bravi, doch nach dem Mahler ist die Tonhalle aus dem Hällchen. Das Publikum reißt es aus den Sesseln, es steht und jubelt, denn es hat Denkwürdiges erlebt, eine weltmännische Interpretation, die trotzdem etwas von Feuertaufe hat, von elementarer Erfahrung. Fischer hat die Musiker dazu gebracht, diesen Mahler wie ein Gebirge zu erobern und dabei die Euphorie zu bewahren. Ja, aus dem Spiel des Orchesters hört man so etwas wie Hingabe, und das liegt auch an dem Künstler am Pult, der sie nicht triezt, sondern begleitet, indem er die Klänge glühend vorempfindet. Er gibt dem Orchester das Gefühl, dass es möglicherweise sehr viel wichtiger ist als er selbst, der weit gereiste Star. Derlei erleben Musiker nicht oft.

Fischer ist auf dem Düsseldorfer Podium, das er als sein Energiefeld angenommen hat, noch nicht ganz zu Hause. Er findet die Gasse zum Podest und zurück nicht auf Anhieb, eine Geigerin rennt er fast um, später eilt er wie getrieben durch die Reihen, um schier jedem einzelnen Musiker die Hand zu schütteln. Nun, sobald Musik erklingt, ist Fischer maximal konzentriert bei sich - als Diener des Orchesters und vor allem der Kunst.

Quelle: RP
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