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Düsseldorf
Patti Smith - Schamanin des guten Lebens

Düsseldorf. Die 69-jährige Sängerin hat ein neues Buch veröffentlicht. Und sie ist so viel mehr als Rockstar und Autorin. Eine Hommage. Von Philipp Holstein

In der Kultur kann man zwischen Helden und Paten unterscheiden. Helden sind diejenigen Autoren, Filmemacher, Musiker oder Maler, die man bewundert, von denen man alles liest oder schaut, wobei die Wertschätzung zumeist in erster Linie auf das Werk bezogen ist. Das ist bei den Paten anders, bei ihnen ist die Biografie ebenso wichtig, die Persönlichkeit auch, vielleicht das, was man als Aura bezeichnet. Die Bewunderung für sie ist längst in Zuneigung übergegangen, in Hingabe. Man folgt diesen Leuten, will lesen, was sie in beiläufigen Kommentaren empfehlen oder zitieren. Man versucht, ihrem Denken und Empfinden auf die Spur zu kommen, es sich einzuverleiben. Für mich ist Patti Smith irgendwann zu einer Patin geworden.

Sie ist heute 69 Jahre alt, ihre großen Alben "Horses", "Easter" und "Wave", die ihr den Beinamen "Godmother Of Punk" eingetragen haben, erschienen Mitte und Ende der 70er Jahre. "Gloria" und "Redondo Beach" heißen die bekanntesten Songs, und ihre Version des Bruce-Springsteen-Lieds "Because The Night" lässt mich auch nach dem hundertsten Hören noch seufzen.

Ich habe Patti Smith jedoch erst in den 80er Jahren kennengelernt, als sie die Single "People Have The Power" veröffentlichte. Ich interessierte mich schon damals mehr für ihre Person als für ihre Musik. Ihr Aufruhr hatte stets etwas Moralisches, ihre Parolen waren lyrisch. "I sing the body electric" rief sie, und das hatte sie aus Walt Whitmans Gedicht-Zyklus "Grashalme". Sie war viel stärker Dandy als Punk. Sie sang: "Outside of society, they're waitin' for me / Outside of society, that's where I want to be." Sie wurde in Chicago geboren, aber durch ihre Texte geisterten die Unbotmäßigen der europäischen Literatur. Ihre Hausheiligen heißen Rimbaud und T.S. Eliot. Sie hatte enorm viel Energie, wie viel, kann man bei Youtube sehen, da findet man ihren Auftritt beim "Rockpalast" 1979 in der Essener Grugahalle. Man erkennt an diesem Konzert, dass sie in ihrem eigenen Kosmos geborgen ist, in einer moralischen und humorvollen Parallelwelt der Kunst, wo der Scherz wirklich nur einen Buchstaben vom Schmerz entfernt wohnt.

Ich habe Patti Smith wahrscheinlich viel stärker als ältere Fans als Dichterin begriffen, als Schönheitssucherin. Und als 2010 ihr Weltbestseller "Just Kids" erschien, stand genau das allen vor Augen: Da kann jemand erzählen, auf absolut einnehmende Weise, und wer das Buch gelesen hat, läuft danach herum mit einer inneren Patti-Smith-Stimme, die die Erscheinungen der Welt in einem zärtlichen und liebevollen Ton kommentiert. In "Just Kids" berichtet Patti Smith, wie sie nach New York kam, als die Stadt noch nicht den Reichen gehörte. Wie sie den Fotokünstler Robert Mapplethorpe kennen und lieben lernte. Wie sie mit dem Schriftsteller Sam Shepard schlief und die Stadt eroberte. Dann verliebte sie sich in Fred "Sonic" Smith, den Mitbegründer der Proto-Punkband MC 5, für ihn zog sie nach Detroit, und dort ließ sie lange Jahre nichts von sich hören. Erst als ihr Ehemann 1994 starb, kehrte sie zurück nach NYC und trat wieder in die Öffentlichkeit.

Patti Smith hat soeben ein neues Buch veröffentlicht, "M Train" heißt es, das steht für "Mind Train", Gedankenzug also, und es sind wieder Erinnerungen, flirrende und flüchtige. Das sehr schöne Buch ist im Grunde ein Versuch, den Duft des geliebten Mannes zu konservieren, seinen Geschmack zu halten, sein Andenken zu bewahren. Patti Smith erzählt von ihm, und sie erzählt, wie sie zu den Gräbern verehrter Persönlichkeiten fährt und sich dort an ihn erinnert. So besucht sie Proust und W. G. Sebald, Brecht und Roberto Bolaño. Mit diesen Stimmen aus dem Jenseits hält sie Zwiesprache, und immer wirkt es, als tue sie das eigentlich für Fred.

Mit den Tantiemen von "Just Kids" kann Patti Smith als Flaneur leben, als Schamanin des guten Lebens, und ich führe eine Liste mit Titeln von Büchern und Serien, die in dem Buch genannt werden: to do, will ich irgendwann auch gelesen und gesehen haben, unbedingt. Manchmal fährt sie nach London in das immergleiche Hotel in Covent Garden, um "Kommissarin Lund", "The Killing" und "Für alle Fälle Fitz" zu schauen. Sie kauft in Antiquariaten Erstausgaben von Sylvia Plaths "Winter Trees" und Ibsens "Baumeister Solness". Und sehr oft sitzt sie in ihrem Stammcafé in New York, lässt sich Vollkorntoast, Olivenöl und Kaffee bringen, und schreibt. Sie lebt einen Tagtraum, und die Vignetten, die sie mit halb gesenkten Lidern auf Servietten notiert, klingen märchenhaft: "Ein Mädchen im Robbenfellmantel sieht hilflos zu, wie die Eisoberfläche bricht und sie grausam von ihrem Traumprinzen getrennt wird. Sie fällt auf die Knie, während er davontreibt. Die gefährdete Eisscholle kippt, und er sinkt auf dem Rücken eines schwankenden weißen Islandponys in die Arktische See."

Die Public Library in New York kuratiert eine Reihe von Podcasts, für die berühmte Menschen zum Gespräch geladen werden. Vor kurzem war Patti Smith zu Gast, und ich habe mir die 70 Minuten lange Folge inzwischen sechs oder sieben Mal angehört. Smith ist heiter und gescheit, sie spricht spöttisch und melancholisch, sie strahlt Sanftmut aus, Würde und Weisheit. Man darf sie nicht länger als Rockstar bezeichnen, auch nicht als Schriftstellerin, sie passt in keine Kategorie, und jede Schublade ist für sie zu klein. Sie wird, was sie ist: Just Patti Smith. Am Ende meint man, dass sie doch jemand wäre, dem man gern die Frage stellte, wie man leben soll.

Wahrscheinlich würde sie lächeln und sagen, sie habe die Antwort längst gegeben. Man brauche bloß in ihren Liedern und Büchern nachzuschauen. Und so sucht man weiter und hört und liest, und wahrscheinlich ist es genau das, worum es geht.

Quelle: RP
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