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Berlin
Philosoph sieht neuen Klassenkampf

Berlin. Slavoj Zizek legt ein Buch mit Gedanken zu Terror und Flucht vor. Von Frank Dietschreit

Der 1949 in Ljubljana geborene Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek gehört zu den wichtigsten Denkern und Kulturtheoretikern der Gegenwart. Mit seinem an Hegel und Marx, Freud und Lacan geschulten Theorien über den in wechselnden Ideologien und fundamentalistischen Religionen gefangenen Menschen hat Zizek immer wieder in Debatten eingegriffen und provokative Standpunkte bezogen. Auf die Terror-Attacken in Paris und die Flüchtlingsströme gen Europa antwortet er jetzt mit einer deftigen Polemik.

Mit dem Buch "Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror" macht der bekennende Kommunist Zizek da weiter, wo er mit seinen "blasphemischen Gedanken" über "Islam und Moderne" aufgehört hat: Er liest dem linksliberalen Mainstream die Leviten, fordert, endlich mit einigen "linken Tabus" zu brechen. Mit reiner Nächstenliebe und ungeregelter Aufnahme der Flüchtlinge, so Zizek, wird man die Krise nicht meistern, sondern verstärken: Rechtspopulisten bekommen Auftrieb, Demokratien schränken ihre freiheitlichen Grundrechte ein, Europa verspielt das Erbe und die Werte der Aufklärung. Die Linke muss sich von der Vorstellung lösen, der Schutz unserer freiheitlichen Lebensweise sei tendenziell profaschistisch oder rassistisch: Solange wir uns mit Schuldgefühlen peinigen und die Toleranz gegenüber einer religiös bestimmten Kultur grenzenlos ist, in der Andersgläubige keine Rechte haben und Frauen Menschen zweiter Klasse sind, wird man weder die Flüchtlinge angemessen behandeln noch den islamistischen Terror wirkungsvoll bekämpfen.

Zizek hat keine Lust mehr auf lauwarme politische Korrektheit, spricht ungeschminkt von ritualisierter, ideologisch und religiös konturierter Gewalt moslemischer Männer gegen Frauen: "Ohne den Islam als solchen zu beschuldigen, kann man feststellen, dass Gewalt gegen Frauen mit der Unterordnung von Frauen und deren Ausschluss aus dem öffentlichen Leben in vielen muslimischen Ländern einhergeht."

Die "wahren Gründe für Flucht und Terror" liegen Zizek im neuen globalen "Klassenkampf": Wenn in vielen Ländern ganze Bevölkerungsgruppen von sozialer Teilhabe ausgeschlossen, Arbeiter wie Sklaven behandelt werden und ganze Staaten kollabieren, muss man sich nicht wundern, wenn Gesellschaften auseinanderbrechen, soziale Verwerfungen und moralische Verrohung an der Tagesordnung sind, Menschen zu Extremisten werden oder dorthin streben, wo es ihnen - vielleicht - besser gehen könnte. Die eigentliche Bedrohung besteht für Zizek nicht in den Flüchtlingen und im Terror, sondern in den Ungerechtigkeiten des globalen Kapitalismus. Ihm fällt denn auch nichts Besseres ein, als für einen "universalen Kommunismus" zu plädieren: Den Kampf der Kulturen könne man nur überwinden, wenn die Konflikte in unserer Gesellschaft mit denen der anderen Kulturen verbunden werden.

Klingt so einfach, ist aber nur spät-marxistisches naives Wunschdenken.

Quelle: RP
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