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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Plädoyer für die Vielfalt

Frankfurt. In der Frankfurter Paulskirche wurde gestern die Publizistin Carolin Emcke mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. In ihrer Rede warnte sie vor Populisten und Fanatikern einer homogenen Gesellschaft. Von Lothar Schröder

Üblicherweise erheben sich die Festgäste bei der Friedenspreisverleihung zweimal zum Applaus: Ein erstes Mal, wenn der Bundespräsident die Paulskirche betritt; schließlich, wenn er am Ende dem Friedenspreisträger entgegengeht und ihm zu Preis und Rede gratuliert. Gestern jedoch erhoben sich zum Schlussapplaus etliche vor Staatsoberhaupt Joachim Gauck, weil viele zu Vieles in der Rede Carolin Emckes wiederfanden, was ihnen auf Anhieb richtig, zutreffend für sich und auch passend für die Zeit erschien. So begeisterte sich stehend und heftig nickend Aiman Mazyek - Vorsitzender des Zentralrats der Muslime hierzulande - gleichermaßen wie Moderator Michel Friedman auf der anderen Saalseite. Dazwischen erstreihig einer der wenigen Sitzenbleiber: Jürgen Habermas, der vielleicht einflussreichste Philosoph der Welt, bei dem sowohl die neue Friedenspreisträgerin Carolin Emcke in die hohe Frankfurter Schule ging, als auch ihre Laudatorin, die türkische Philosophin Seyla Benhabib. Habermas war vor 15 Jahren selbst mit dem Friedenspreis geehrt worden; jetzt, so schien es, wurde er mit seinen erfolgreichen Schülerinnen insgeheim auch für seine Lehrtätigkeit zumindest belohnt.

Seit 1950 hat es viele große und bemerkenswerte Friedenspreisreden gegeben. Emckes Gedanken, genauer: ethischen Diskurse über die freie, anstrengend vielgestaltige und weiterhin konfliktträchtige säkulare Gesellschaft, waren eine davon. Ein Plädoyer ist es geworden - für unsere Haltung, die Blickrichtung zu ändern und alles individuell Einzigartige anzunehmen: in der Hautfarbe und der Herkunft, im Glauben und der Sexualität. Die 49-Jährige ist selbst homosexuell und weiß, wovon sie spricht. Sie tat dies ohne Pathos und erst recht nicht als Opfer. Sondern als eine, die erfahren musste, dass etwas so Persönliches "für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unser Leben einzugreifen und uns Recht und Würde absprechen wollen". Mit dem Ort der Friedenspreisfeier machte sie die Absurdität gesellschaftlicher Haltungen fest: "Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?"

Menschenrechte müssen nach ihren Worten voraussetzungslos sein. Sie müssen auch nicht verdient werden. Genau das sei der Kern einer liberalen Gesellschaft: "Verschiedenheit ist kein hinreichender Grund für Ausgrenzung. Ähnlichkeit keine notwendige Voraussetzung für Grundrechte."

Manche Sätze klangen wie kleine Selbstverständlichkeiten. Emckes Leistung war es darum auch zu zeigen, wie fraglich das meiste davon im Vollzug des Alltags ist. Vielleicht spiegelt sich genau darin die Haltung jener, die der "Norm entsprechen und nicht Gruppen am Rande zugehören - wie den Muslimen und Juden hierzulande, den Migranten und Homosexuellen - und die es sich darum leisten können zu bezweifeln, dass es Normen gibt.

Das Plädoyer für die Vielfalt und für ein universelles Wir war auch eine Kampfansage an die sogenannten Fanatiker der Reinheit, die zu wissen vorgeben, was der richtige Glaube ist, der richtige Pass, das richtige Leben. Gegen die Populisten, die unseren sozialen Raum mit ihrem Dogma des Völkischen und Homogenen so verengen, dass die Gefahr droht, sprachlos und wehrlos zu werden und jede Begegnung unmöglich zu machen.

Der mit 25.000 Euro dotierte Friedenspreis ist so vielen großen Denkern schon zugeeignet worden, dass Emcke sich wohler fühlte, die Ehrung als eine Aufgabe für noch zu Leistendes zu verstehen. Auch in der Beschreibung der Gegenwart unterschied sie sich von vielen ihrer Vorgänger - mit dem Appell zu handeln, den Mund aufzumachen. Nicht nur zu behaupten, eine freie Gesellschaft zu sein, sondern es dann auch zu sein. "Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut." Es hat sich "eingebürgert", dass die Paulskirche zu einem Ort wurde, an dem es sich die Republik leistet, nachdenklich zu werden. Über das Land und die Zeit, die Demokratie, das Zusammenleben, also über uns. Aber in anderen Tönen als an politisch relevanteren Orten. Es muss also nicht schon wieder ein Ruck durch Deutschland gehen, als hätten jetzt alle an einem Strang zu ziehen. Vielmehr müsse man eine freie Gesellschaft erst lernen - immer wieder. Das wird mühsam. "Aber warum sollte es einfach zugehen", fragte Emcke. Die Friedenspreisrede hat in der Tat eine Aufgabe gestellt - eine an uns alle.

Quelle: RP
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