Tango-Feeling und Heiligenkult: Polit-Musical "Evita" feiert Premiere
zuletzt aktualisiert: 26.11.2004 - 12:41Bremen (rpo). Die Geschichte des Aufstiegs von Eva Peron zur First Lady Argentiniens - in Bremen ist sie jetzt als Politmusical auf der Bühne zu sehen. Mit Anna Maria Kaufmann in der Hauptrolle feierte "Evita" am Donnerstagabend in der Hansestadt Premiere und erntete tosenden Applaus. Das Erfolgsstück aus der Feder von Komponist Andrew Lloyd Webber ist für rund sechs Wochen im Bremer Musicaltheater zu sehen.
Auch der Tod einer Heiligen ist am Ende ein einsamer Tod. Eva Duarte, la Santa Evita, liegt im offenen Sarg. Weiße Kreuze blinken auf. Das argentinische Volk trauert. Einzig der Revolutionär Che Guevara spottet über den Sinn einer guten Pose bis zum bitteren Ende. Guevara tanzt zu Sambaklängen um den Sarg und beginnt, seine Geschichte der Eva zu erzählen: Das Leben einer schönen Provinzschauspielerin, die es an der Seite des Diktators Juan Peron zur First Lady Argentiniens gebracht hat. Ein viel versprechender Auftakt zur Premiere von "Evita" im Bremer Musicaltheater am Donnerstagabend.
Es ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, die Komponist Andrew Lloyd Webber mit seiner Musicalfassung und dem schmachtend-schmelzenden Welthit "Don't cry for me Argentina" Ende der 70er Jahre erstmals auf eine Bühne brachte. Macht, Anerkennung, Unterdrückung, aber auch Selbstzweifel und Zerrissenheit - in einer eigens für Bremen geschaffenen Fassung zeigt Regisseur Christian von Götz ein ausgewogenes Bild der leicht despotischen Evita, verkörpert durch Sopranistin Anna Maria Kaufmann.
Che Guevara (Ethan Freeman), von dem nicht bekannt ist, ob er Eva im wirklichen Leben jemals traf, ist Gewissen und Kritiker zugleich. Er kommentiert die Gier nach Macht und Erfolg, die fadenscheinige Fürsorge für die Arbeiterschicht.
Götz lässt seine Figuren mit Freude spielen, überfrachtet nicht. Das ist die eigentliche Stärke dieser Bremer Inszenierung. Das spärliche Bühnenbild aus Fragmenten eines Tango-Cafes, ein schäbiger Wohnwagen oder Bildszenen von Buenos Aires sowie eine Hebebühne, aus dessen Untergrund ab und an das Militär hervorspukt - Unterhaltung wird hier nicht mit Requisiten und Kostümen gleichgesetzt.
"Klasse statt Masse"
Stärkstes Bild des Musicals ist das rote Fahnen schwenkende Volk, angeführt von Che Guevara. Evita spricht zu den Menschen und immer wieder ist es, als ob eine Stopptaste bedient wird. Eingefrorene Bewegungen, die effektvoll Spannung und reichlich Zwischenapplaus produzieren. Götz setzt auf ungewöhnlich wenige Tanz- und Ensembleszenen. Auch hier scheint die Devise ähnlich wie beim Bühnenbild "Klasse statt Masse".
Das große Pfund dieser "Evita" ist ein schauspielerisch überzeugender Ethan Freeman, der als Wanderer zwischen den Welten und Zeiten auch eine gefeierte Anna Maria Kaufmann nahezu an die Wand spielt. Als Mister Jekyll & Doctor Hyde hat der New Yorker am Richtweg bereits große Erfolge gefeiert, als Gift und Galle spuckender Guevara setzt er diesen Triumphzug fort.
Erstmals stehen die Musicalstars Kaufmann und Freeman gemeinsam auf der Bühne. In Duetten zeigen beide ihre gesanglichen Qualitäten. Doch bei der Bühnenpräsenz punktet trotz ergreifendem "Don't cry for me Argentina" der ungekrönten Königin der Revolutionär.
Am Ende schließt sich der Kreis. Ein letztes Mal steht Evita auf der Kanzel und predigt über den Äther zu ihrem Volk. Ein illuminiertes Kreuz schwebt über dem Bühnenboden, Nebelschwaden steigen auf. Evita schaut nach oben, sackt zusammen und stirbt - im Alter von nur 33 Jahren. Guevara nimmt seinen Hut und geht von der Bühne. Es ist ein ungewöhnlich leiser Schluss, dennoch ein nicht minder effektvoller. Kurze Atempause, bevor tosender Applaus für das Ensemble einsetzt.
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