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Düsseldorf
Prinz Kum'a will seinen Schiffsschnabel zurück

Düsseldorf. In der Kolonialzeit raubten Deutsche das geschnitzte Prunkstück einer Herrscherfamilie in Kamerun und brachten es nach München ins Museum. Da hängt der Schiffsschnabel noch immer, doch ein Nachfahre fordert ihn nun zurück. Ein postkoloniales Zerwürfnis. Von Dorothee Krings

Für Prinz Kum'a Ndumbe III. geht die Geschichte so: Am 22. Dezember 1884 überfallen Soldaten des deutschen Kaiserreichs das Haus seines Großvaters Kum'a Mbape (Lock Priso), König eines großen Clans im heutigen Kamerun. Die Reichsmarine ist in jenen Tagen dabei, das Gebiet in Westafrika mit militärischer Gewalt zu erobern. Doch bevor die Soldaten alles niederbrennen, verschafft sich der deutsche Konsul Max Buchner Zutritt zum Besitz des Königs. Er selbst beschreibt das in seinen Aufzeichnungen damals mit erschreckender Blumigkeit: "Das Haus des Lock Priso wird niedergerissen, ein bewegtes malerisches Bild. Wir zünden an. Ich habe mir aber ausgebeten, dass ich einzelne Häuser vorher auf ethnographische Merkwürdigkeiten durchsehen darf. Meine Hauptbeute ist eine große Schnitzerei, der feudale Kahnschmuck des Lock Priso, der nach München kommen soll."

So geschah es. Buchner ließ den "feudalen Kahnschmuck" ins Münchner Völkerkundemuseum bringen. Dort wurde es als "Schenkung" verzeichnet. Zwei Jahre später wurde Buchner Museumschef und präsentierte die Kriegsbeute als Geschenk.

Erst in den 1990er Jahren liest der Enkel des beraubten Königs, der 1946 in Kamerun geborene Prinz Kum'a Ndumbe III., zufällig in einem wissenschaftlichen Aufsatz, dass der Schiffsschnabel seiner Vorfahren all die Jahre in München überdauerte. Im "Museum Fünf Kontinente", wie das Völkerkundemuseum heute politisch korrekt heißt, hängt er noch immer in der Ausstellung. Der Prinz, der viele Jahre in Deutschland gelebt, in München Abitur gemacht und als Professor für Geschichte und Deutschlandstudien unter anderem in Berlin gelehrt hat, wandte sich daraufhin in zahlreichen Schreiben an Politiker und Künstler, und machte seine Rückgabeforderung auf diese Weise öffentlich.

Auf eines dieser Gesuche erhielt er 1999 ein offizielles Schreiben des damaligen bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair. Darin wurde ihm beschieden: Der Schiffsschnabel, Tangue genannt, befinde sich aufgrund einer Schenkung im Eigentum des Freistaates Bayern, könne also schon aus haushalterischen Gründen nicht zurückgegeben werden. Daher könne man dem Prinzen nur anbieten, "dass ihm auf seine Kosten eine originalgetreue Kopie des Schiffsschnabels angefertigt wird." Prinz Kum'a Ndumbe III. erwähnt das Schreiben bis heute. Es muss seinen Kampfgeist geweckt haben. Jedenfalls formulierte er im vergangenen Jahr, 130 Jahre nach dem Überfall auf seinen Großvater, eine feierliche Erklärung, die er in seiner Heimat Kamerun, wo er heute wieder lebt, verlas - für ihn ein offizieller Akt, die ultimative Rückgabeforderung.

Für den Prinzen ist das Schnitzwerk nicht nur ein Kulturgut, dessen Wert einmal auf 500.000 DM geschätzt worden ist, sondern ein "Medium mit Lebenskraft", das "in Geiselhaft" gehalten werde. "Der Tangue gehört nicht ins Museum, sondern sollte unter den Menschen wirken, denen er geraubt wurde", so der Prinz. "Der Kolonialismus hat meinem Volk so viele Traditionen genommen, die Menschen haben ein Recht darauf, mit den wenigen Dingen, die zurückgeblieben sind, neu anzufangen."

Für das Museum Fünf Kontinente geht die Geschichte des Tangue allerdings anders: Zwar hätte Konsul Buchner das Stück mit Gewalt an sich gebracht, doch hätten die Deutschen damals nicht den Aufstand von Freiheitskämpfern niedergeschlagen, sondern in Auseinandersetzungen rivalisierender Familienclans eingegriffen, in denen es auch um interne Machtkämpfe und Handelsvorteile gegangen sei. Dabei, das ist die Pointe, hätte der Tangue womöglich zerstört werden können - ohne deutsche Beteiligung. Der Raub wäre also als Rettung verbuchbar.

Außerdem gehöre der Schiffsschnabel heute rechtlich den Bürgern Bayerns, das Museum könne ihn also gar nicht an eine Privatperson wie den Prinzen übergeben. Der Staat Kamerun habe aber keinen Rückgabeantrag gestellt. Auch sei die familiäre Stellung des Prinzen unklar, da er zwar der Enkel des Lock Priso sei, aber nicht das offizielle Oberhaupt seines Clans. Dieses ernannte Oberhaupt, das auch vom Staat Kamerun anerkannt ist, erhebe aber gar keine Ansprüche. Eine Rückgabe an den Prinzen könnte also im heutigen Kamerun aufgrund der Konkurrenz um die Familienführung für Unruhe sorgen. "Für uns ist es schwierig, dass sich der Prinz nie direkt an uns gewandt hat", sagt Stefan Eisenhofer, Leiter der Afrika-Abteilung des Museums, "auch uns ist daran gelegen, eine annehmbare Lösung für alle Beteiligten zu finden, aber das ist schwierig, wenn wir immer nur mit Anschuldigungen konfrontiert werden."

Doch Prinz Kum'a Ndumbe III. sieht in dem Museum gar keinen Gesprächspartner. "Vertreter des deutschen Kaiserreichs haben meinen Großvater beraubt, um dieses Unrecht geht es", sagt er, "dass die Kriegsbeute später in Deutschland in ein Museum gekommen ist, spielt für mich keine Rolle." Für den Prinzen ist der Schiffsschnabel nicht nur ein ritueller Gegenstand mit spiritueller Kraft, sondern auch eine Königsinsignie ähnlich wie der Thron seines Großvaters. Den hatten die Deutschen in der Kolonialzeit nicht entdeckt, und so befindet er sich nach einer Entscheidung der königlichen Familie seit 1981 im Besitz des Prinzen. Fragt man Kum'a Ndumbe III., was er nach Rückgabe mit dem Tangue machen wolle, sagt er: "Was mache ich denn mit dem Thron meines Großvaters? Ich sitze drauf!" Genauso wolle er den Schiffsschnabel wieder als Insignie nutzen. Schon jetzt tritt der Prinz manchmal mit Zeremonienwedel auf, ein Intellektueller, der um die Wirkung solcher Bilder weiß und seine Gesprächspartner gern auf Youtube verweist. Dort kann man ihn in Zeremonien erleben - auf dem Thron.

Das Münchner Museum dagegen bezweifelt die hoheitliche Bedeutung des Tangue. Solche Schnitzwerke seien Prunkstücke für Bootsrennen und Prestige-Objekt mächtiger Familien gewesen. Von einer Nutzung als Insignie sei in der Forschung nichts bekannt und manche Tradition des Prinzen eher neueren Datums.

Der Kampf um den Schiffsschnabel ist ein Kampf um Deutungshoheiten geworden, in dem sich postkoloniale Machtverhältnisse abzeichnen. Dabei gibt es auch eine simple Version der Geschichte: Vor 130 Jahren haben Deutsche einer Herrscherfamilie in Kamerun Unrecht getan. Die Reaktion darauf steht aus.

Quelle: RP
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