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Interview-Projekt
Reden über den Tod

Düsseldorf. Über das eigene Sterben denken die meisten menschen lieber nicht nach. Dabei sollte man bewusst eine Haltung zur eigenen Endlichkeit entwickeln. Ein Interview-Projekt will dazu anregen.  Von Dorothee Krings

Der Arzt betrachtet die Aufnahmen aus dem Computertomographen: Die Lunge ist von schwarzen Tumoren durchzogen, die Wirbelsäule verformt, ein Leberlappen zerfressen. Unzählige Male hat er solche Bilder studiert und die unausweichliche Diagnose gestellt. Diesmal ist es anders, die Scans sind seine eigenen.

Als der junge Neurochirurg Paul Kalanithi erfährt, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit schon bald daran sterben wird, beginnt er zu schreiben. Er ist 36 Jahre alt, erfolgreich, ehrgeizig, voller Energie und kann noch nicht fassen, dass er keine Zukunft mehr haben soll. So erzählt er von seinem Werdegang, von seiner Leidenschaft für die Medizin, von den unglaublichen Belastungen eines Assistenzarztes, der lernt, an Gehirnen zu operieren, von der Liebe zu seiner Frau, von seiner Ehe, die zeitweilig zu zerbrechen droht, weil er seine Berufung zur Medizin über alles stellt. Doch dann mehren sich die Zeichen seiner Erkrankung, und bald beginnt Kalanithi darüber zu schreiben, was ihn der drohende Tod über das Leben lehrt: "Geld, gesellschaftlicher Status, all die menschlichen Eitelkeiten, haben so wenig Sinn - das alles ist bedeutungslos."

In den USA stand das Vermächtnis des Arztes mehrere Wochen oben auf der Bestseller-Liste der "New York Times", gerade ist es unter dem Titel "Bevor ich jetzt gehe" bei Knaus auch auf Deutsch erschienen. Bücher dieser Art müssen nicht außergewöhnlich geschrieben sein. Sie versprechen Erkenntnisse über den Sinn des Lebens, über das, was noch Bedeutung hat, wenn das Ende naht, darüber, wie man leben sollte, solange noch Zeit ist. So sind sie das "Memento mori" unserer Zeit.

Denn der eigene Tod ist für viele Menschen heute noch immer ein Tabu. Sie scheuen, die eigene Endlichkeit mitzudenken, wenn sie die unzähligen kleinen Entscheidungen treffen, die am Ende das Leben ausmachen. Vielleicht, weil das der Gegenwart zu viel Gewicht aufbürdet, weil es Unbeschwertheit raubt, Angst macht. Vielleicht auch aus Bequemlichkeit. An den eigenen Tod zu denken, bedeutet schließlich auch, das eigene Handeln zu bewerten, sich kritisch zu fragen, ob man die richtigen Schwerpunkte setzt, seine Zeit sinnvoll verbringt, nach Zielen strebt und Dinge wichtig nimmt, die auch vor dem Horizont des Todes bestand haben.

Vermittelt durch ein Buch können Sterbende den Lebenden Richtung geben und Ratgeber sein. Es ist ja schwer, einem Menschen, der um seinen nahen Tod weiß, von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Als Leser kann man nichts falsch machen, kann sich auf sich selbst konzentrieren, kann sich den eigenen Ängsten stellen. Auch darum sind Lebensbilanz-Bücher gefragt.

Dabei muss das "Memento mori" gar keine Drohung sein. Die Mahnung, des eigenen Todes zu gedenken, kann auch Energien freisetzen, mutig machen. Sie kann den Impuls geben, sich etwas zuzutrauen, das beschwerlich erscheint, aber das Leben bereichert. Sie kann auch verhindern, sich von den verführerischen Zerstreuungsangeboten des Alltags vereinnahmen zu lassen.

Trotzdem erleben Palliativmediziner wie Christian Schulz-Quach, der bis vor kurzem an der Uniklinik Düsseldorf gearbeitet hat und inzwischen am Londoner King's College tätig ist, immer wieder, dass Menschen erst mit einer schlimmen Diagnose auf die eigene Endlichkeit gestoßen werden - und dann auch über ihr eigenes Verdrängen erschrecken. "Wenn Menschen erst mit der Diagnose darüber nachdenken, welche Chancen sie im Leben verpasst haben und was sie bedauern, ist das sehr schmerzlich", sagt Schulz-Quach. Zusammen mit dem Sozialphilosophen Martin Schnell von der Universität Witten/Herdecke hat er ein Diskursprojekt begonnen: "30 Gedanken über den Tod", das vom Bundesforschungsministerium finanziert wird. Ein Projektteam hat mit 30 Menschen über den Tod gesprochen, darunter Pfleger, Ärzte, Feuerwehrleute, eine Tatortreinigerin, eine Philosophin, eine Archäologin. Sie sitzen schlicht vor der Kamera, sprechen darüber, was Sterben für sie bedeutet, wo der Tod ihnen im Alltag begegnet und was sie über die eigene Endlichkeit denken. Das bewegende an diesen Interviews sind weniger die einzelnen Aussagen zum Tod, es ist die Tatsache, dass da Leute vor laufender Kamera über sich selbst sprechen und um Gedanken und Worte ringen. Menschen mit unterschiedlichem Bildungshintergrund. Leute, wie Du und ich.

"Tod an sich ist kein Tabu in unserer Gesellschaft, die Nachrichten sind voll von Leid und Sterben", sagt Schulz-Quach, "aber das ist abstrakt. Wir wollen einen Diskurs in Gang setzen, der Menschen dazu bringt, sich erfahrungsnah mit ihrem eigenen Tod zu beschäftigen." Den Projektleitern geht es nicht um eine moralische Todesmahnung, sondern darum, dass Menschen bewusst eine Haltung zu ihrer eigenen Endlichkeit annehmen. "Natürlich kann man sich entscheiden, Gedanken an den Tod möglichst lange zu verdrängen", sagt Schulz-Quach, "aber man sollte das bewusst tun."

Der schwerkranke Neurochirurg Paul Kalanithi und seine Frau entscheiden sich nur wenige Monate vor seinem Tod, Eltern zu werden. Es ist ihre Antwort auf die Endgültigkeit des Todes, und man kann sie ethisch bedenklich finden. Seiner kleinen Tochter hinterlässt der sterbende Vater in seinem Buch diese Sätze: "Wenn du einmal einen Bericht deiner Selbst geben musst, sag, wer du warst, was du getan und der Welt bedeutet hast. Und ich bitte dich, schätze es nicht gering, dass du die Tage eines sterbenden Mannes mit größter Freude erfüllt hast."

Quelle: RP
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