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Eine Frage Des Stils
Reste im Restaurant ruhig einpacken lassen

Die Frage an den Kellner nach einem Doggy Bag ist vielen peinlich. Sollte sie aber nicht sein.

Da sitzt man nun: Der Bauch ist voll, der Teller aber auch noch halbwegs. Die Vorspeise - üppiger als erwartet, außerdem war da noch der Gruß aus der Küche. Appetit ist plötzlich ein Fremdwort, das wir im Lexikon nachschlagen würden, wenn es denn hülfe. Schon bohrt sich der prüfende Blick des Kellners in das schöne Steak, dessen übrig gebliebene Hälfte kalt wird. Der Countdown läuft, die Kapitulation ist offenkundig. Die Oma hätte früher gefragt, ob man den Rest einpacken könnte - für den Hund (den sie gar nicht besaß). Aber in so einem vornehmen Laden geht das sicher nicht. Oder doch?

Allen, die in solcher Lage zweifeln, sei hiermit beschieden: Das geht. Mancher wird erstaunt sein, wie bereitwillig, wie appetitlich heutzutage auch in gehobenen Restaurants die Reste eines guten Essens verpackt und dem Gast mitgegeben werden. Denn in Wahrheit gibt es nicht einen vernünftigen Grund, das nicht zu tun: Weiteressen wäre Völlerei, ungesund obendrein. Liegenlassen bedeutet Wegschmeißen, und das ist pure Verschwendung.

Von den 82 Kilogramm Lebensmittel, die jeder Deutsche statistisch gesehen jedes Jahr wegwirft, entfallen über 23 Kilo auf Restaurants oder Großküchen. Glücklicherweise gibt es immer mehr Zeitgenossen, die diesen respektlosen Umgang mit Essen satthaben. Ja, die Oma, die kannte noch Jahre, in denen man davon träumte, wenigstens solche Abfälle zu bekommen.

In Amerika verlangt heute längst keiner mehr verschämt nach einem Doggy Bag. Geordert wird offen und ehrlich eine Box. Kunststück, werden Sie jetzt sagen, da sind die Portionen ja auch im Schnitt 1,7 Mal größer als in Deutschland. Stimmt, antworten wir darauf, aber wenn inzwischen über 90 Prozent der Bürger im Burger-Land das so machen, bedeutet das ein beachtenswertes Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit.

Tatsächlich ist eine Pizzeria mit wagenradgroßen Portionen kein Sterne-Restaurant. Wo es hemdsärmelig zugeht, liegen die Hemmschwellen naturgemäß niedriger, die leidige Können-Sie-mir-das-einpacken-Frage zu stellen. Andererseits wird man in einem Gourmet-Tempel kaum in Verlegenheit kommen, ein derartiges Anliegen zu äußern, da Singular und Verkleinerungsform die Speisekarte beherrschen, und sich nach einer Blutwurstpraline an Kresseschäumchen selten ein jähes Völlegefühl einstellt.

Bleiben jene Restaurants, wo Anspruchsvolles weder zu wenig noch zu viel auf den Teller kommt. Ob diese Häuser bloß schick oder wirklich vorbildlich sind, erweist sich auch daran, ob die Bedienung von sich aus fragt, ob das, was übrig geblieben ist, eingepackt werden soll. Wirte, die das beherzigen, haben festgestellt, dass ihre Gäste begeistert waren. Und zwar restlos.

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Quelle: RP
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