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Düsseldorf
Roberto Ciulli provoziert mit Hommage an Lasker-Schüler

Düsseldorf. Fabrikantensohn Heinrich hat es auf das Lieschen abgesehen, das mondsüchtige Mädchen aus der Nachbarschaft. Mutter Pius erzählt davon lüstern, mitleidlos, sie kennt die Menschen. Ihre Stimme kommt vom Band. Die Darsteller sitzen in historischen Kostümen im Stuhlkreis. Nach und nach fordern sie einander zu Improvisationen heraus, zu Szenen ohne Worte. Da läuft dann Heinrich hinter Lieschen her, raschelt mit goldener Folie, erwischt das Kind, ringt es nieder, hängt es wie einen goldenen Sack an eine Schiene, an der es über die Bühne gleitet, eine Schwebebahn mit grausiger Fracht. Von Dorothee Krings

Roberto Ciulli hat am Düsseldorfer Schauspielhaus "Die Wupper" inszeniert, Else Lasker-Schülers Milieu- und Zeitstudie aus dem Jahr 1909. Doch der Gründer des Mülheimer Theaters an der Ruhr bringt kein Sozialdrama auf die Bühne, er saugt Bilder und Motive aus dem expressionistischen Text, blättert Deutungsschichten darüber, blendet in das Leben der Autorin, zitiert Pina Bausch, die andere zunächst verkannte Avantgardistin aus Wuppertal. Und er gibt selbst "die Els" - als Betrachterin am Bühnenrand, als Verstoßene, als wunderliche Närrin, die doch so klar Krieg und Faschismus heraufziehen sah. Die eigentliche Handlung muss sich der Zuschauer aus den Tonband-Einspielungen erschließen, "die Wupper" bleibt Hörspiel. Auf der Bühne zelebriert Ciulli die Ausdruckskraft des reinen Spiels, sprachloses, kluges Assoziationentheater. Und es ist berührend, wie da ein großer Theatermann mit 82 Jahren einer Autorin, die ins Vergessen gleitet, Respekt zollt, wie er sie mit direkten Mitteln wie Pantomime oder Clownerie wieder lebendig macht. Allerdings lässt sich Ciulli bei all dem sehr viel Zeit, strapaziert störrisch die Geduld seine Publikums, verweigert jede Gefälligkeit. Das provoziert genau wie seine formalen Experimente, und so verlassen manche Zuschauer den Saal. Ciullis Verneigung vor der überschwänglichen, hellsichtigen, enervierenden Else Lasker-Schüler ist ein anstrengender Abend. Auch darin wird er der Dichterin gerecht.

Quelle: RP
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