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Bochum
Ronny aus Sachsen liebt AfD-Zäune

Bochum. Elfriede Jelineks Stück "Die Schutzbefohlenen" im Bochumer Schauspielhaus.

In seinem grandiosen Stück zur Finanzkrise ließ Hermann Schmidt-Rahmer in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses die "Gespenster des Kapitals" spuken. Jetzt sind es die Gespenster des alten Europa, gestelzte Rokoko-Figuren, die sich dort lustvoll, verängstigt und völlig überreizt den medialen Wogen der Flüchtlingskrise hingeben.

Es ist nicht nur eine weitere Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen", die der mehrfach ausgezeichnete Düsseldorfer Regisseur hier fulminant, provozierend und schockierend auf die Bühne bringt. Es ist ein Verschnitt mit weiteren Texten der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin. Der aktuellste, "Europas Wehr. Jetzt staut es sich aber sehr! (Epilog auf dem Boden)", ist erst im Januar erschienen und in Bochum als Uraufführung zu erleben. Schmidt-Rahmer ist allerdings auch selbst ein kongenialer Meister in Jelineks Methode und verbindet ihre Texte wiederum mit Bruchstücken aktueller Diskurse: aus dem AfD-Parteiprogramm, dumpfen Pegida-Parolen, einem Manifest französischer Postfaschisten.

Autorin und Regisseur haben ein feines Sensorium für die Doppelmoral und Doppelbödigkeit der medialen Diskurse, semi-öffentlichen Diskussionen in Facebook-Kommentarspalten und Reden hinter vorgehaltener Hand: "Die sollen ihre Därme unter der Dusche entleeren und in Schwimmbäder ejakulieren", wispert Jürgen Hartmann verstohlen, als er wie alle Darsteller ständig und immer wieder die Seiten wechselt: von "uns" zu "denen". Kurz vorher war er noch "Jürgen aus Marokko" und machte Selfies mit den Zuschauern: "Smartphone hab ich von Domplatte."

Manchmal droht sich das Stück in bitterböser Stand-up-Comedy zur aktuellen Lage zu verheddern, aber dann nimmt es wieder neuen Anlauf, findet zu klugen neuen Bildern und Betrachtungen. Eben war die Bühne (Thilo Reuther) noch ein Symbolraum für deutschen Durchschnitt - beiges Sofa, Billy-Regal, Mittelklasse-Wagen - und wurde von einer Welle orangener Spielpuppen durch einen Mittelmeer-Trichter geflutet. Nach der Pause ist sie ein umzäunter Angst-Raum. "Es ist April 2016, die Grenzen sind dicht, lasst uns ein Bier trinken gehen," sagt Roland Riebeling, der wie alle Darsteller höchste Intensität und Präsenz erreicht, weil er selbst spürt, wie relevant dieser Abend ist.

Aber Alko-Abschalten ist nicht. Denn Ronny aus Sachsen, der hier gern für Europa und seine wie auch immer geartete Werte-Gemeinschaft stehen mag, wird heimgesucht von einem Stier mit riesigem Gehänge.

Termine 17. und 27. April, 14. und 17. Mai, Karten 0234 3333-5555, Internet: www.schauspielhausbochum.de

(mfk)
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