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Düsseldorf
Rudolf Steiner – umstrittener Reformer

Düsseldorf. Waldorfpädagogik, ökologische Landwirtschaft und anthroposophische Medizin – auf den am 27. Februar vor 150 Jahren geborenen und 1925 gestorbenen Reformer geht manches zurück, das in die Gegenwart wirkt. Bis heute hat sein Lebenswerk Bewunderer und Kritiker. Von Bertram Müller

Ungezählte kluge Köpfe suchten an der Wende vom 19. zum  20. Jahrhundert das Leben umzukrempeln. Sie riefen die Menschen auf, sich aus bürgerlichen Zwängen zu befreien und auf sich selbst zu hören. Und sie wiesen Wege, wie man sich vervollkommnen kann. Die meisten dieser selbst ernannten Ratgeber spiritueller, sozialer oder medizinischer Art gerieten schon bald in Vergessenheit. Nur einer hat sich weit über seinen Tod hinaus im Gedächtnis der Menschheit gehalten: Rudolf Steiner (1861–1925).

Schon zu Lebzeiten ragte Steiner aus der Masse der Propheten heraus. Zeitgenossen bescheinigten ihm ein einzigartiges Redetalent. Jahrelang zog er von Vortragssaal zu Vortragssaal und brachte seinen Zuhörern die Ideen nahe, die ihn gerade umtrieben. Meistens sprang der Funke sofort aufs Publikum über. Steiner wurde zum Propheten des Pluralismus, indem er zeigte, dass vieles sich mit vielem kombinieren ließ.

Wenn heute von Rudolf Steiner die Rede ist, geht es in der Regel um sein vermeintliches Vermächtnis: Festlegungen zu Pädagogik, Religion oder Medizin, die er selbst niedergeschrieben hat und die – das war ihm wichtig – über seinen Tod hinaus für seine Anhänger gültig sein sollten. Wer sich aber in Steiners eigenes Leben vertieft, begegnet einem Mane, der unstet war, der von einer Erfahrung und Erkenntnis zur nächsten sprang und zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Ansichten vertreten konnte. Sein Ziel allerdings kristallisierte sich früh heraus: Er strebte nach dem Geistigen.

Steiner entstammte einfachen Verhältnissen in Niederösterreich. Sein früher Wissensdurst verhalf ihm zu einem Stipendium, und so konnte er sich in einem Studium der Geistes- und Naturwissenschaften die Welt des Akademischen erschließen.

Er begann mit der Herausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, entdeckte dann Esoterik und Theosophie für sich – das intuitive Schauen Gottes – und bewunderte den autoritäts- und wahrheitskritischen Gestus radikaler Denker wie Nietzsche. Steiner schlug sich mit wenig Geld durchs Leben und heiratete erstmals 1899: eine Witwe mit ihren fünf Kindern.

Frauen – so kann man in den beiden jüngst erschienenen Biografien nachlesen – waren für Steiner eher Musen und Hilfskräfte als Partnerinnen. Der Meister ließ sich gern bewundern und spannte die jeweilige Ehefrau oder Geliebte umgehend in seine Forschungs- und Vortragstätigkeit ein. Er hielt Kurse an der Berliner Arbeiter-Bildungsschule, sprach in der Theosophischen Bibliothek eines Grafen über Nietzsche oder Goethe, bekannte sich 1903 auch schon zur Lehre von Wiedergeburt und Karma. Selbst bei den abenteuerlichsten Phantasien, die er beförderte, legte er Wert auf deren angebliches wissenschaftliches Fundament. Dabei wurde er auch zum Antisemiten. Böse Verunglimpfungen sind von ihm überliefert, die einen tiefen, bis heute spürbaren Schatten auf sein Werk werfen. Schon zu Lebzeiten zog sein Gedankengebäude Kritik auf sich, weil seine Lehren einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhielten. Vieles ist reine Esoterik.

Aus der Theosophie entwickelte Steiner die Anthroposophie. Erst spät legte er den Grund für diejenigen Institutionen und Konzepte, die ihn am Ende berühmt machten:

Waldorfpädagogik Sie war Steiners liebstes Kind unter den Sprösslingen seiner anthroposophischen Praxis und mündete in das erfolgreichste, aber auch heftig bekämpfte Privatschul-Modell des 20. Jahrhunderts. Ihr Ziel ist eine Erziehung mit handwerklichen und musischen Schwerpunkten, ohne Leistungsdruck. Steiner war maßgeblich beteiligt an der Gründung der ersten Waldorfschule 1919 in Stuttgart. Körper und Geist sollten in diesem Schultyp miteinander in Einklang gebracht werden, auch im Eurythmie-Unterricht. Bis zur achten Klasse steht ein und derselbe Lehrer den Schülern vor, und die Sitzordnung richtet sich nach der "Temperamentenlehre". Das klingt esoterisch, ist es zum Teil auch, hat aber Erfolg. Heute melden Eltern an den Waldorfschulen Jahr für Jahr mehr als doppelt so viele Kinder an, wie angenommen werden können.

Medizin Ausgerechnet zu einer Zeit, da die Schulmedizin atemraubende Erfolge feierte, legte Steiner den Grund zu einer Stärkung der bereits bestehenden Alternativmedizin. Zwischen all den Spezialisten, die sich etabliert hatten, wahrte sie den Blick auf den gesamten Menschen, auf den Zusammenhang zwischen Körper und Seele. Steiner führte Schul- und Alternativmedizin zusammen und war besonders in der Produktion von Heilmitteln erfolgreich. Der Name "Weleda" für eine entsprechende, bis heute existente Firma geht auf ihn zurück. Er entwarf – ganz Künstler – sogar den Schriftzug.

Christengemeinschaft 1922 wirkte Steiner an der Gründung einer eigenen Kirche mit, die sich auf anthroposophische Grundsätze beruft und ebenfalls bis heute besteht; zum Unmut der katholischen und der evangelischen Kirche, die in ihr einen Hort des Spiritismus sehen.

Ökologische Landwirtschaft Auch in der Landwirtschaft setzte Steiner Zeichen. Die Gründung des Demeter-Wirtschaftsverbands für biologisch-dynamischen Landbau geht auf ihn zurück.

Sein Erbe Als Steiner starb, begann in der Anthroposophischen Gesellschaft, die er gegründet hatte, ein Kampf um sein Erbe, um Deutungshoheit und Publikationsrechte. Der war schon darin angelegt, dass Steiner gegen Ende seines Lebens zwei Partnerinnen hatte: seine Ehefrau Marie Steiner und die Ärztin und Mitarbeiterin Ita Wegman, mit der er in seinem Atelier zusammenlebte. Weitgehender Verzicht auf eine kritische Lektüre seiner Texte und eine hagiografische Überhöhung seines Lebens bestimmten mehr als ein halbes Jahrhundert lang den Umgang mit Steiners Vermächtnis. Erst in den zurückliegenden Jahren hat sich die Lage entspannt, so sehr, dass Steiners Werk zu einem Steinbruch für Esoteriker jeglicher Art geworden ist; aber auch für Wissenschaftler, die vor allem seine pädagogischen Ansätze ins 21. Jahrhundert fortschreiben.

Quelle: RP
 
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