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Recklinghausen
Schicksal eines Minijobbers

Recklinghausen. Mit Goldonis "Der Diener zweier Herrn" eröffnet das Wiener Burgtheater die Ruhrfestspiele. Sie dauern bis zum 19. Juni. Von Dorothee Krings

Er hat Kohldampf, grimmigen Hunger, der ganz wibbelig macht. Der Lohn des Dieners reicht einfach nicht für Minestrone und ein gutes Stück Fleisch. Also nimmt Truffaldino eine weitere Stelle an, wird Diener zweier Herrn - und ist mit seinen simultanen Minijobs reichlich überfordert. Auf die Spitze treibt das Christian Stückl in seiner deftigen Inszenierung der Goldoni-Komödie in jener Szene, da es endlich etwas zu essen gibt - allerdings für die Herrschaften. Der arme Diener muss sie in getrennten Zimmern synchron bedienen. Da kommt die große Drehbühne im Ruhrfestspielhaus so richtig in Fahrt. Der wendige Markus Meyer sprintet als Diener - Tür auf, Tür zu - durch die Kulisse, trägt die Suppe auf, den Braten und stopft sich im Gang zwischen den Kulissen selbst ein paar Brocken in den Mund. Fringsen nennt man das im Rheinland - Mundraub aus Notwehr war sogar kirchlicherseits erlaubt. Und so wird auch Truffaldino am Ende dieser Commedia dell' Arte von 1746 nur mit den Mitteln der Komödie bestraft: Er heiratet - die hässliche Smeraldina wird sein.

Zur Eröffnung der 70. Ruhrfestspiele gab sich in Recklinghausen das Wiener Burgtheater die Ehre und bescherte dem Festival einen virtuos-spielfreudigen Auftakt mit einer Komödie, die sich harmlos turbulent gibt, die totale Abhängigkeit des Dieners vom Herrn aber entlarvend vorführt. Dass Abhängigkeit nicht nur zur Feudalzeit die Würde des Menschen beschädigt, ist der zeitlose Gehalt dieses Stoffes. Stückl, der auch die Passionsspiele in Oberammergau neu belebt hat, versetzt das Stück in die Zeit von Mafia-Klassikern wie "Der Pate", lässt ansonsten volkstümlich, kernig aufspielen und kann sich auf ein Spitzen-Ensemble von der Burg verlassen. Peter Simonischek ist trotz bizarrer Zahnprothese der vollendet-asige Patriarch. Andrea Wenzl als verkleidete Beatrice pafft Zigarren wie ein Mann. Heimlicher Star des Abends ist Mavie Hörbiger, Enkelin von Paul Hörbiger, die die Zofe Smeraldina als schroffe Grufti-Emanze gibt, die sich heimlich doch nach ein wenig Romantik sehnt. Die bekommt sie am Ende. Vom gehetzten Diener, der leichtfertig zwei Herren gegen eine Herrin tauscht.

Infos www.ruhrfestspiele.de

Quelle: RP
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