DGB fällt Entscheidung gegen Theatermann: Ruhrfestspiele Recklinghausen: Castorf gekündigt
zuletzt aktualisiert: 29.06.2004 - 15:04Berlin/Recklinghausen (rpo). Frank Castorf muss seinen Hut nehmen. Der Vertrag des künstlerischen Leiters der Ruhrfestspiele Recklinghausen wurde nach dem dramatischen Besuchereinbruch bei den diesjährigen Spielen gekündigt. Außerdem nahm der Aufsichtsrat des Festivals in einer Sondersitzung in Berlin auch den Rücktritt des Intendanten Gerard Mortier an.
Castorf hatte die Festspiele erst in diesem Jahr übernommen, sein Vertrag sollte eigentlich noch bis 2007 laufen. Nun wurde er aufgelöst: "Das Experiment der Neuausrichtung der Ruhrfestpiele ist mit Frank Castorf als Festivalleiter gescheitert", hieß es zur Begründung. Hauptgrund für die Trennung sei der "dramatische Besucherrückgang bei allen Besuchergruppen", sagte die Aufsichtsratsvorsitzende Ingrid Sehrbrock, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), am Dienstag in Berlin. So habe die Auslastung des Festivals nach 75 bis 82 Prozent in den Vorjahren diesmal nur noch bei 35 Prozent gelegen.
Nordrhein-Westfalens Kulturminister Michael Vesper (Grüne) bedauert die Entlassung des künstlerischen Leiters der Recklinghäuser Ruhrfestspiele, Frank Castorf. Zugleich kritisierte er in Düsseldorf das von den beiden Gesellschaftern des Festivals gewählte Verfahren als "absolut inakzeptabel". Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Stadt Recklinghausen hätten damit die Chance vertan, gemeinsam mit Castorf und dem designierten Festival-Intendanten Jürgen Flimm "die nötigen und möglichen Veränderungen wirksam anzugehen". Vesper betonte ferner, dass sich der Kooperationsvertrag zwischen Ruhrfestspielen und RuhrTriennale in der bisherigen Form nicht bewährt habe. Die Aufsichtsräte beider Festivals müssten daraus die Konsequenzen ziehen.
Gesellschafter des Festivals sind der DGB und die Stadt Recklinghausen. Das Land Nordrhein-Westfalen ist im Aufsichtsrat vertreten. Der schlechte Kartenverkauf habe die Festspiele "hart an den Rand der Insolvenz" gebracht, betonte der Bürgermeister von Recklinghausen, Wolfgang Pantförder (CDU). Es sei zu Mindereinnahmen von rund 500 000 Euro gekommen. Hinzu kämen außerplanmäßige Mehrausgaben in Höhe von 200 000 Euro. Der Fortbestand des Festivals sei deshalb nur "durch einen Schnitt" sicherzustellen. Die Gesellschafter müssten "große Anstrengungen unternehmen", um den Bestand der Ruhrfestspiele zu sichern, erläuterte Sehrbrock. Für die Zukunft gebe es bereits Überlegungen, die aber noch abgestimmt werden müssten.
Für 2005 werde eine Interimslösung angestrebt. Die Gesellschafter würdigten zwar "die künstlerische Arbeit von Frank Castorf". Man habe bei ihm jedoch "Professionalität im Festivalmanagement vermisst" und bemängele die Präsenz und den Einsatz des Festspielleiters. Die Gesellschafter kritisierten zugleich das Engagement von Gerard Mortier als Intendant der Ruhrfestspiele. Mortier, der in seiner Funktion als Intendant der RuhrTriennale auch an der Spitze der Festspiele stand, habe weder angekündigte Koproduktionen realisiert, noch den Ruhrfestspielen zugesagte Mittel zur Verfügung gestellt.
Mortier war nach dem Streit um Castorf am vergangenen Donnerstag als Intendant der Ruhrfestspiele zurückgetreten. DGB und Stadt kritisierten auch die Reaktion von Castorf und Mortier auf den Zuschauereinbruch in der Saison. Beide hätten mehrfach und in der Öffentlichkeit "jedwede Form der Verantwortung" für das schlechte Ergebnis zurückgewiesen und stattdessen "das Publikum beschimpft, die Gesellschafter gescholten und ihnen die Verantwortung" zugewiesen. Kritik von Mortier und Castorf, der DGB habe die Festspiele boykottiert, wiesen die Gesellschafter zurück.
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