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Ruhrtriennale
Götter mit Gartenstühlen

Ruhrtriennale 2016: Johan Simons inszeniert "Alceste" für die Eröffnung
FOTO: Vladimir Matusevich/Ruhrtriennale
Bochum. Johan Simons hat für die Eröffnung seiner zweiten Ruhrtriennale-Saison Glucks Reform-Oper "Alceste" inszeniert. In der Bochumer Jahrhunderthalle wird das tragische Geschehen zum Ereignis. Vor allem fasziniert das Orchester. Von Max Florian Kühlem

Diese Inszenierung von Glucks Oper "Alceste" könnte in jedem Schrebergarten des Ruhrgebiets spielen. Johan Simons hat einen Design-Klassiker deutscher Hinterhöfe, Gärten und Terrassen in den Mittelpunkt der Eröffnung der Ruhrtriennale gestellt: den Monoblock-Stuhl. Alles ist voller Monoblock-Stühle. Wenn das Volk im Tempel das Orakel befragt, wird das Rumoren der Götterwelt mit einer ganzen Ladung Stühle symbolisiert, die von der Decke fällt.

Das praktische, stapelbare, voll abwischbare und günstige Plastikmöbel hat so gut wieder jeder Bewohner dieses Landes daheim. Es eint uns alle. Und Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, den Werte-Dreiklang, der mit der französischen Revolution zum europäischen Wertekonsens wurde, will der Intendant mit der aktuellen Ruhrtriennale zur Diskussion stellen.

Glucks "Alceste", die in der Bochumer Jahrhunderthalle in der ersten, italienischen Version von 1767 aufgeführt wird, beginnt mit einem Seufzer. Die Ouvertüre - die erste in der Opern-Geschichte, die den Inhalt des dramatischen Geschehens musikalisch ankündigt - steht in d-Moll und klingt wie der Introitus eines Requiems. Das exquisite B'Rock Orchestra aus Gent unter René Jacobs betont die getragene Trauer mit extrem dynamischem Spiel, wie es auch sonst alle Akzente aus dieser frühklassischen Komposition herauskitzelt.

Die Geschichte rechtfertigt den Requiem-Charakter. König Admento liegt im Sterben, und das Volk wehklagt. Nicht, weil er der König ist und mit seinem Tod die gottgegebene Ordnung durcheinandergerät, sondern weil es Gefühle für diesen guten Menschen hegt, der seinem Volk wie ein Vater ist.

"Ach, gerechte Götter. Was wird aus dem leidenden Königreich?" Der Chor MusicAeterna aus Perm weht diese Klage stimmgewaltig durch die Weite der Jahrhunderthalle. Die Mitglieder des jungen Ensembles sind nicht nur außergewöhnlich gute Sänger, sondern auch gute Schauspieler. In ihren Kostümen spiegeln sie eine gesellschaftliche Bandbreite von einfachen Bauern des 18. Jahrhunderts bis zu Bankern des 21. Jahrhunderts. In ihren Gesichtern spielen Trauer, Zweifel, Wut, Ohnmacht.

Gluck hat mit "Alceste" die Oper revolutioniert. Der Erstausgabe der Partitur stellte er ein Manifest voran, in dem er sich gegen die "Missbräuche" stellt, "die seit langer Zeit die italienische Oper verunstalten". Gluck war an Einfachheit, Klarheit, Schönheit interessiert. Seine einflussreiche Opern-Reform erinnert an ein Projekt aus der Popkultur des späten 20. Jahrhunderts: Da hatten dänische Filmemacher um Lars von Trier das "Dogma 95" ausgerufen: Mit dem Verzicht auf Fremdton, Scheinwerfer-Licht und der Nutzung von Handkameras sollten Filme realistischer, authentischer werden, echte Menschen zeigen. So wie auch die die Figuren Glucks keine Adeligen oder Götter sind, sondern echte Menschen mit echten Gefühlen - in aller Widersprüchlichkeit.

Allen voran Alceste, von der man eine Verbindungslinie ziehen kann zu Bess aus Triers "Breaking The Waves": Sie opfert sich für ihren Mann auf, weil das Orakel ein Opfer für das Leben des Königs fordert. Sie hadert zwar, und das arbeitet die Sopranistin Birgitte Christensen in wunderbarer Klarheit und Schönheit heraus. Aber schlussendlich will Alceste sterben. Warum, das versteht keiner. Nicht ihr Volk, nicht ihr Mann, nicht der Regisseur Simons, der in seinem denkwürdigen Schlussbild die Kinder des Königspaares um die große Leerstelle unbeantworteter Fragen tanzen lässt.

Die Frage nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wendet er in diesem ersten Aufschlag der Ruhrtriennale ins Philosophische, Metaphysische: Stellt Alceste sich mit ihrem Opfer über die Anderen? Handelt sie brüderlich, schwesterlich? Ist das die größte Freiheit, den Tod zu wählen?

Quelle: RP
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