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Salzburg
Goethe-Reklamation in Salzburg

Salzburger Festspiele 2015: Goethe-Reklamation über "Clavigo"
Susanne Wolff als "Clavigo" während einer Probe in Salzburg. FOTO: dpa, gi ks
Salzburg. Mit dem Frühwerk "Clavigo" hat Stephan Kimmigs Inszenierung fast gar nichts zu tun. Von Wolfram Goertz

In Reihe 7 des Salzburger Landestheaters machte eine Dame nach der Vorstellung ihrem Herzen Luft. Sie habe sich auf eine schöne Aufführung von Goethes "Clavigo" gefreut, gern auch modern und realistisch, aber das hier sei ja ein anderes Stück gewesen. Am liebsten würde sie sich bei der Festspielleitung beschweren und ihr Geld zurückverlangen. Leider sei sie im Schreiben von Reklamationen ungeübt.

Der Dame kann geholfen werden. Hier ein Briefentwurf für sie, in völliger Übereinstimmung mit ihrer Verärgerung verfasst:

"Sehr verehrter Herr Direktor Bechtolf!

Ich besuche die Festspiele seit Jahren. Ich bin eine treue Kundin, doch nicht gestrig; ich unterstütze alles Moderne. Aber gestern war das Maß voll. Ich möchte Ihnen meine Gefühle während der Aufführung schildern. Ich sitze in der Premiere von Goethes ,Clavigo'. Schon als fünf Menschen mit Clownsnasen auf die Bühne zappeln und zu singstammeln beginnen, schwant mir Schlimmes. Bald zeigt sich, dass alle Geschlechter vertauscht sind. Clavigo ist eine dralle Blondine, die wie eine Wurst in der Pelle eines Paillettenkleids steckt. Marie ist dagegen ein Kerl, ein extrem langer Laban. Auch Beaumarchais ist eine Frau. Was uns Regisseur Stephan Kimmig mit dem riesigen Heißluftballon im Hintergrund sagen will, erschließt sich mir nicht. Von Goethe bleibt vielleicht ein Zehntel übrig, wenn überhaupt. Stattdessen werden Fremdtexte eingefügt, in denen es um die Einzigartigkeit des Künstlers geht. Einmal kommt auch ein Zitat von Wolf Biermann: ,Es gibt ein Leben vor dem Tod.'

Die Schauspieler - da will ich nicht meckern - sind ohne Zweifel großartig. Susanne Wolff spielt toll die Frau Clavigo, obwohl ich mir einen spanischen Journalisten aus dem Madrid der Goethe-Zeit, der unter Ruhmsucht leidet und vor langfristigen Liebesverhältnissen zurückschreckt, anders vorstelle. Marcel Kohler ist eine sensitive Marie, eine Art Gummimensch mit traurigen Augen. Sein/ihr letzter Dialog mit seinem/ihrem Bruder Beaumarchais (grandios puppenhaft: Kathleen Morgeneyer) endet damit, dass er/sie das Wort ,tot' auf einen Spiegel schreibt und abgeht. Dass Clavigo wenig später ebenfalls stirbt, kann ich gar nicht erkennen. Stattdessen steht das Quintett wieder als Clownstruppe da und zappelt. Schließlich geht das Licht aus.

Ich werde Salzburgs Geist der Innovation weiter die Treue halten, aber diesmal empfinde ich eine massive Produktenttäuschung. Ich möchte nicht mein Geld zurückverlangen, das erscheint mir aussichtslos. Aber ich frage höflich, ob Sie mir nicht zur Linderung meines Ärgers eine Freikarte für eine andere Aufführung anbieten möchten, von der Sie glauben, dass ich das Kunstwerk wiedererkennen kann.

Über Ihre baldige Antwort (die Festspiele enden ja in einem Monat) freue ich mich schon jetzt.

Hochachtung, Unterschrift usw."

Quelle: RP
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