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Salzburger Festspiele
"Fidelio": Das Böse unter der Sonne

Salzburg. Jonas Kaufmann brilliert bei den Salzburger Festspielen in Beethovens Oper. Die Regie war zwiespältig. Von Wolfram Goertz

Für Festspielgäste, die sich auf einen genussreichen und charmanten Abend freuen, ist es gelegentlich mehr als nur eine Belästigung, wenn sie mit den verstörenden Verstrickungen großer Opern konfrontiert werden. Ludwig van Beethovens "Fidelio" ist ja nicht nur das Hohelied der Gattenliebe, sondern auch ein Stück über einen politischen Gefangenen, dem die Folter zugesetzt hat. Dieser Mann heißt Florestan und ist mit einer Dame namens Leonore verheiratet, die ihn - als Mann verkleidet und zwischenzeitlich auf den Namen Fidelio hörend - aus dem Kerker des Don Pizarro befreit.

Schon schnell macht die Salzburger Inszenierung von Claus Guth klar, dass dies ein ungemütlicher Abend wird. Das Team hat sämtliche gesprochenen Dialoge gestrichen und durch irritierende Geräusche ersetzt: wie von Ferne meint man Ketten, schweres Atmen und hallende Klagelaute zu vernehmen. Auch die Optik gibt uns Grund, an die Gegenwart des Bösen zu glauben: Die Bühne ist eine weiße, klassizistisch kassettierte, fast sonnige Schleiflack-Hölle; in der Mitte dreht, hebt und senkt sich ein schwarzer, hochkant gewuchteter Steinklotz von der Höhe eines Wohnhauses. Dieses rechteckige Monster hat keine Fenster, keine Türen; doch es lässt uns die Gegenwart des Terrors ahnen, der alle Menschen hier bestimmt.

Guth erzählt das mit den Mitteln der politischen Aufklärung, und wie den Buhs am Ende unschwer zu entnehmen ist, missfällt es einigen Gästen, dass Florestan am Ende nicht erlöst am Busen der Gattin rastet, sondern Zeichen eines schweren psychischen Defekts zeigt (posttraumatische Belastungsstörung). Auch die Familie des Kerkermeisters Rocco ist nicht frei von Kollateralschäden, die dem täglichen Umgang mit der Folter geschuldet sind. Deren schwarzer Engel ist Don Pizarro, ein Finsterling, der eine Brigade von Knechten befehligt.

Dieses überzeugende Konstrukt verletzt Guth jedoch durch die Doubles, die er den Figuren mitgibt; Guth nennt sie "Schatten". Leonore bekommt eine junge Dame an die Seite gestellt, die jedes Wort wild in Gebärdensprache übersetzt; dem tauben Beethoven hätte das gar nicht gefallen. Pizarro wird von einem tanzenden Dämon angetrieben. Derlei Aktionismus sorgt nie für Lebendigkeit, sondern für eine gewisse Statik - so auch hier.

Im Mittelpunkt der Neugier stand natürlich Jonas Kaufmann, der sich mit einer heldisch timbrierten, offenen, höhensicheren, kaum verknödelten und hochmusikalischen Darbietung des Florestan empfahl. Adrianne Pieczonka als Leonore neigte dagegen zum Übersteuern. Tomasz Konieczny ließ es als Pizarro ein wenig arg klirren. Hans-Peter König gab dem Rocco die balsamischen Töne eines Basses mit, der sich trotz der Unbill seines Jobs eine gewisse Gutmütigkeit erhalten hat.

Das bedeutendste Erlebnis war jedoch die Leistung der Wiener Philharmoniker, die unter Franz Welser-Möst phänomenal musizierten. Allein die dritte Leonoren-Ouvertüre boten sie mit einer Spannkraft, einer visionären Wucht und Energie, die man auf der Bühne leider vermisste.

Quelle: RP
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