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Ausstellung "Schamlos? Sexualmoral im Wandel"
Lust auf Bonn

"Schamlos? Sexualmoral im Wandel" - Ausstellung im Haus der Geschichte
Selbst das Kinoplakat zum ersten Skandalfilm in der Bundesrepublik, 1951, war umstritten. Jetzt ist es museumsreif. FOTO: Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
Bonn. Was sehen? Was lesen? Was hören? - Immer zum Wochenbeginn gibt die Kulturredaktion Empfehlungen. Einer der Tipps an diesem Montag: Die Ausstellung "Schamlos? Sexualmoral im Wandel" im Haus der Geschichte in Bonn. Von Franziska Hein

Wer Sex sucht, findet ihn nicht im Bonner Haus der Geschichte. In der neuen Wanderausstellung "Schamlos? Sexualmoral im Wandel" wird Sex nur da gezeigt, wo er in der Öffentlichkeit sichtbar wird.

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Die Ausstellung zeigt keine Geschichte der Intimität, sie blickt nicht in die Schlafzimmer. Vielmehr offenbart sie, wie Gesellschaft über Sex denkt und spricht und wie staatliche oder kirchliche Institutionen sich zum Thema Sex verhalten. Sie legt die gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen und kulturellen Rahmenbedingungen offen, in denen sich die Intimität bewegt.

So erzählt die Ausstellung in fünf Themenschwerpunkten die Geschichte der Gleichberechtigung, eine Geschichte der (Sexual-)Aufklärung und eine Geschichte der gesellschaftlichen Normen und Werte. Die Schau beginnt bei den Rollenbildern der Nachkriegszeit und endet bei "Feuchtgebiete" und "Shades of Grey".

"Die Ausstellung zeigt den grundlegenden und nachhaltigen Wandel im Verhältnis der Geschlechter", sagt die Kuratorin Kornelia Lobmeier. Das wird gleich zu Beginn deutlich. An Stellwänden sehen die Besucher an Medienstationen alte Dr.-Oetker-Werbefilmchen aus dem Jahr 1951, in denen ein männlicher Sprecher aus dem Off die weibliche Identität auf die Fragen reduziert: "Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?" Gleich daneben kann man in einem Ringbuch einen "Ehe-Test" aus der Frauenzeitschrift "Constanze" durchblättern, in dem eine Frage lautet: "Sie haben sicher häufig Besuch. Achten Sie dann darauf, dass Sie nicht die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenken und auf Kosten Ihres Mannes glänzen?" Mit ähnlich drolligen Fragen geht es weiter.

Heute rufen sie Kopfschütteln und Schmunzeln hervor, damals waren diese Rollenbilder gesellschaftliche Realität. Ehefrauen durften bis 1958 nicht einmal einen Vertrag eigenständig abschließen oder darüber entscheiden, ob sie berufstätig sein wollen. Ehen mit Doppelverdienern wurden sogar bekämpft, einer Frau drohte die Entlassung, sobald sie verheiratet war. So kann man jungen Frauen in einem Film dabei zusehen, wie sie sich in einer Bräuteschule auf ihre Zukunft als Ehegattin vorbereiten, sie lernen Kochen, Handarbeiten und Baby-Pflege.

Die Ausstellung setzt zwar in der Nachkriegszeit ein, doch aus Interviews mit Zeitzeuginnen geht hervor, dass sich diese Rollenanpassung nicht konfliktlos vollzog. Die Frauen berichten, wie ihre Ehen kriselten, als ihre Männer aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten und von da an zu Hause über die Regeln bestimmen wollten. Der Krieg hatte eine "erzwungene Emanzipation" gebracht, die mit der Wohlstandsgesellschaft des Wirtschaftswunders überholt wurde.

Erotik gab es auch in den 50ern - sie war nur versteckt

Die 50er Jahre gelten als prüde, der Sex findet, wenn überhaupt, nur in der Ehe statt, und das hauptsächlich mit dem Ziel der Fortpflanzung. So weit greift das gesellschaftliche Bild. Dass es in Wirklichkeit vielleicht etwas hemmungsloser zuging, zeigen zwei weitere Objekte: ein Faksimile von Beate Uhses "Schrift X", in der sie die Verhütung nach der Knaus-Ogino-Methode erklärt, und eine Stehlampe, deren Sockel aus einem weiblichen Unterleib besteht. Die Beine tragen den Lampenschirm - ganz im angestaubten Stil der 50er Jahre mit Fransensaum. Ein solcher Lampenschirm steht noch heute in Omas Wohnzimmer. Beides zeigt, dass die Erotik von der jungen Bundesrepublik nicht fernzuhalten war, nur dass sie sich im Geheimen vollzog.

Die Ausstellung zeigt aber nicht nur, wie wichtig Rollenbilder und das Leitbild der Familie für die Sicht auf Sexualität sind, sie thematisiert auch die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung durch die Erfindung der Anti-Baby-Pille. Die sexuelle Befreiung der Frau durch die Frauenbewegung und die einsetzende "Sexwelle" Ende der 60er Jahre mit den Aufklärungsbüchern und -filmen von Oswalt Kolle. Auch die wachsende gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexualität und selbst das Thema Kindheit und Sex sind Schwerpunkte des Rundgangs. Im Themenbereich "Homosexualität" wird etwa eine weiße Maske ausgestellt, mit der sich Demonstranten vermummen mussten, als sie 1973 gegen die Entlassung eines homosexuellen Lehrers auf die Straße gingen. Bemerkenswert auch ein Filmausschnitt, der die beginnende Schwulenbewegung illustriert mit ihrem Slogan: "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen".

Erfreulich ist, dass auch die Sexualmoral der DDR in den Blick genommen wird. Der sozialistische Staat war, was die Gleichberechtigung von Mann und Frau angeht, von Anfang an fortschrittlicher als die Bundesrepublik. Die DDR-Frauen galten als sexuell freizügiger. Sex vor der Ehe war kein Tabu. Verboten waren allerdings Prostitution und Pornografie. Darauf stand eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren. Prostituierte, die im Gefängnis saßen, wurden vor allem in der Messestadt Leipzig von der Stasi angeworben, um westliche Unternehmer zu bespitzeln. Die sogenannten "DDR-Geishas" verdienten gut, die Freier zahlten meist 300 D-Mark, ein halbes Vermögen in DDR-Währung. Das Thema Sex und Kommerz kommt in der Ausstellung etwas zu kurz, das Phänomen Cybersex wird nur gestreift. Allerdings kann es nicht Anspruch einer historischen Ausstellung sein, das Heute abzubilden.

Viel Bekanntes findet sich unter den Schaustücken, der Stern-Titel "Wir haben abgetrieben", Alice Schwarzer, Beate Uhse und Oswalt Kolle, auch Dr. Sommer und die päpstliche Enzyklika "Humanae Vitae" von 1968 kommen zu Wort. Aber die Ausstellung verdichtet und bietet einen Reichtum an Themen und Anknüpfungspunkten. Dabei läuft sie wie andere Ausstellungen im Haus der Geschichte vor ihr Gefahr, die Besucher mit Eindrücken zu überfrachten. Trotzdem ist es den Machern gelungen, die Geschichte der Sexualmoral nicht linear, sondern vielschichtig und tiefgreifend aufzubereiten. Und sie gewinnt nicht nur durch die derzeitige Debatte um die Homo-Ehe an Aktualität.

Info Ausstellung "Schamlos? Sexualmoral im Wandel" bis zum 14. Februar 2016 im Haus der Geschichte in Bonn, Willy-Brandt-Allee 14; Di.-Fr. 9-19 Uhr, Sa., So. und an Feiertagen 10-18 Uhr, Eintritt frei. Informationen unter www.hdg.de/bonn

Quelle: RP
 
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