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Düsseldorf
Wie viel ist uns Theater wert?

Schauspielhaus: Statements von der Podiumsdiskussion
Schauspielhaus: Statements von der Podiumsdiskussion FOTO: Hans-Juergen Bauer
Düsseldorf. Düsseldorf muss entscheiden, wie viel Geld die Stadt in die Sanierung ihres Schauspielhauses investieren will. Eine Diskussion sollte alle Positionen öffentlich machen - und die Frage, wie viel Rückhalt Theater bei den Bürgern besitzt. Von Dorothee Krings

Nun ging es also auf der Bühne um das Theater selbst. Um die Frage, ob eine Stadt an ihrem architektonisch herausragenden Schauspielhaus im Herzen der Stadt festhält, eine Tradition fortschreibt, dem Kommerz einen Ort öffentlicher Reflexion entgegenstellt und sich das etwas kosten lässt. Oder ob Theater nur noch ein Angebot neben vielen ist, das sich zweckmäßig auch andernorts unterbringen ließe, wenn das Kosten spart. Zu erleben war bei einer Diskussion in der Ausweichspielstätte "Central" des Düsseldorfer Schauspielhauses der Schlagabtausch zwischen einem Intendanten, der nicht nur viel länger in Interimsspielstätten arbeiten, sondern plötzlich um den Erhalt seines Stammhauses kämpfen muss. Und einem Oberbürgermeister, der darauf pocht, Vertreter aller Bürger zu sein, und in Frage stellt, dass die teure Sanierung eines Theaters dem Willen aller Bürger entspricht.

Vor 600 Zuschauern im Theater - die Diskussion musste in einen zweiten Saal übertragen werden - rangen also nicht mehr ein Intendant und ein Oberbürgermeister gemeinsam um den Erhalt ihres Theaters. Stattdessen ging es darum, wie breit der Rückhalt für das Schauspielhaus in der Bevölkerung überhaupt ist. Verhandelt wurde also nichts Geringeres als die Zukunft des Konzepts von Stadttheater, für das Deutschland in der Welt bewundert wird, das inzwischen aber in vielen Städten zur Disposition steht.

Dass auch eine vergleichsweise reiche Stadt wie die Landeshauptstadt an diesen Punkt gerät, hat mit Sanierungsverschleppung in den vergangenen Jahrzehnten und Bauprojekten der Gegenwart im Herzen der Stadt zu tun. Das Düsseldorfer Schauspielhaus ist derzeit geschlossen. Innen wird es für 21 Millionen Euro technisch saniert. Weil das Haus das einzige Staatstheater des Landes NRW ist, teilen sich Stadt und Land diese Kosten. Vor dem Haus stehen umfangreiche Bauarbeiten für das städtebauliche Großprojekt "Kö-Bogen II" an. Voraussichtlich wird das Theater daher bis Sommer 2018 geschlossen bleiben müssen. Sollte man diese Zeit nutzen, um auch die Hülle des lange vernachlässigten Hauses am Gründgensplatz zu renovieren? Dafür ist laut Vertrag allein die Stadt verantwortlich.

Diese Frage hat in Düsseldorf eine Grundsatzdebatte über das Theater entfacht. Befeuert hat sie Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD), der nicht nur über Umfang und Zeitabfolge der Sanierung diskutieren will, sondern den Standort des Theaters in Frage stellte. Für den Stadtoberen ist es kein Tabu, öffentlich über eine andere Nutzung des Traditionshauses am Gründgensplatz und eine alternative Unterbringung des Schauspielhauses nachzudenken. Trotz vehementer Proteste aus der Bürgerschaft in den vergangenen Wochen gab Geisel auch im Theater zu Bedenken: "Das Schauspielhaus ist zwar ein Leuchtturm in der Kulturlandschaft, aber nur eine Facette eines sehr vielfältigen Kulturlebens in der Stadt."

NRW-Kulturministerin Christina Kampmann (SPD) hat sich bisher nur mit einer dürren Pressemitteilung an der Debatte beteiligt. Sie schickte ihren Staatssekretär Bernd Neuendorf in die Debatte, der deutlich machte, dass das Land an seinem Staatstheater festhält und sich dazu nur eine Unterbringung im würdigen Stammhaus am Gründgensplatz vorstellen kann. Das Land pocht auch darauf, dass der Spielbetriebe dort im Sommer 2018 wieder aufgenommen werden sollte. Für grundsätzlich möglich hält das der Architekt Christoph Ingenhoven, der das Projekt "Kö-Bogen II" direkt neben dem Theater entworfen und den Sanierungsbedarf des Schauspielhauses ermittelt hat. Er nannte bei der Podiumsdiskussion Zahlen: 20 bis 25 Millionen Euro werde die Außensanierung des Schauspielhauses kosten, wenn die Fassade neu aufgebaut wird, 25 bis 30 Millionen, wenn die bestehende Fassade saniert wird. Ingenhoven nutzte den Auftritt im Schauspielhaus, um seine Vorstellungen von der künftigen Gestaltung des Schauspielhauses in die öffentliche Debatte einzuspeisen. Er möchte das Haus dort, wo jetzt hinter geschlossener Fassade die Kasse untergebracht ist, zum dann von ihm neu gestalteten Gründgensplatz öffnen. Das wäre freilich ein weitreichender Eingriff in die Optik des denkmalgeschützten Gebäudes von Bernhard Pfau.

Theaterfreunde, wie sie sich auch bei der Diskussion im Central versammelt hatten, erleben derzeit, wie sie zur bildungsbürgerlichen Elite erklärt werden und sich von alten Gewissheiten verabschieden sollen. Manche reagieren darauf wie jener Bürger im "Central", der eine private Spende von 1000 Euro anbot und andere Theatergänger aufforderte, es ihm gleich zu tun.

Schauspielhaus-Intendant Wilfried Schulz wollte sich jedoch nicht in die Defensive drängen lassen und betonte die Notwendigkeit von Theater für die gesamte Stadt: "Der ,Kö-Bogen II' ist eine städtebauliche Tat, da wird Konsum stattfinden, 500 Millionen Euro werden investiert - da muss auf der anderen Seite ein zukunftsfähiges Haus stehen, das die Kunst vertritt", so der Intendant. Die Stadt brauche die Reibung zwischen Konsum und Reflexion. "Das ist eine riesige städtebauliche Chance."

Quelle: RP
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