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Duisburg
Schläpfer erforscht mit Brahms die Romantik
Duisburg. Uraufführung in Duisburg: Der Ballettchef der Rheinoper zeigt Idylle und Melancholie in Brahms' 2. Sinfonie. Von Dorothee Krings

Man könnte Brahms' 2. Sinfonie für ein heiteres Werk halten, sonnig und unbeschwert, wie frisch aus dem Wörther See geschöpft, an dessen Ufern der Komponist dieses Stück im Sommer 1877 zu Papier brachte. Da erblühen liebliche Melodien in den Violinen, während die Hörner satt und zufrieden vom Grund des Sees hinauftönen. Das klingt nach Sommerfrische, nach ungetrübtem Himmel. Und so lässt Martin Schläpfer seine Tänzer auch lustig durchs Wasser kraulen, krabbeln wie die Frösche, das Gefieder schütteln wie die Enten, schillern wie silberne Fischlein. Das steckt alles voller Schalk und Fantasie und Freude an einem Tänzerensemble, das so vielgestaltig ist wie Fauna und Flora am See.

Doch rühren liebliche Melodien ja gerade dann, wenn sie der Wehmut entsteigen, wenn man hört und fühlt, dass dem Menschen Einklang mit der Natur immer nur für Momente geschenkt ist. Und so ist Brahms' 2. Sinfonie auch keine naive Pastorale, sondern eine Naturmalerei voller Ahnungen. Es gibt Unterströmungen in diesem See, kalte Untiefen, und auch die finden sich in der grandiosen Choreografie des Ballettchefs von der Rheinoper. Es berührt, wie subtil Schläpfer seiner Arbeit Moll-Töne beimischt, indem er etwa viele Figuren wie geduckt in der Horizontalen entwickelt. Da strebt nichts gen Himmel, ist nichts ungebrochene Romantik. Schläpfers Bewegungen strömen, fließen vorbei, ziehen vorüber, flüchtig wie das Leben.

Und wenn dann zwei Tänzer ihre Körper zu Pendeln machen, ihre Gliedmaßen bewegen wie die Zeiger einer Uhr, dann gibt sich die Endlichkeit zu erkennen, die ewige Machtlosigkeit des Menschen, die die reine Freude an der Idylle trübt.

Auch zeigt Schläpfer ein weiteres Mal, wie er aus der Musik zu schöpfen vermag, ohne sie zu bebildern. Er kann die glänzenden Fanfaren der Trompeten vorüberziehen lassen, während seine Tänzer mit größter Gelassenheit den Motiven der Bässe folgen, sich von keinem Auftrumpfen verführen lassen.

Und dann schenkt Schläpfer seiner Primaballerina Marlúcia do Amaral den dritten Satz, das Allegro grazioso. Die verwandelt dieses tänzerische Zwischenspiel in das atemberaubende, kühn reduzierte Solo einer Ballerina, die auch mit Blicken tanzen kann, die das klassische Bewegungsrepertoire einfach ausfallen lassen kann und doch ganz Grazie ist in ihrer Haltung, ihrer Herrschaft über den Raum. Doch Amaral ist auch Marionette, Roboter, kostbares Spielzeug. Und so zieht sie im Trippelschritt auf ihren Spitzenschuhen unendlich lang ihre Bahnen auf der Bühne – wie eine Aufziehpuppe, die auch nicht anhält, als die Musik längst verklungen ist. Höchste Virtuosität ironisch gebrochen, ist da zu erleben – in der Postmoderne kann es keinen naiven "Schwanensee" mehr geben, nur noch die weißen Quietsche-Enten, die Schläpfer auf die Bühne tragen lässt wie komische Reliquien einer vergangenen Zeit.

Für all das hat Keso Dekker dem Ballettchef mit kühnem Pinselstrich den Hintergrund geschaffen, eine Landschaftsskizze, die sich stimmungsvoll ausleuchten lässt. Die Tänzer bewegen sich davor in kaltem Zwielicht, das von einem tiefstehenden Mond zu kommen scheint. Schläpfer gelingt Großes, wenn er sich an sinfonische Werke macht, weil er die Fähigkeit besitzt, deren Wesen zu erfassen und in Tanz zu verwandeln. Bei Brahms ist es die Doppelbödigkeit der Idylle, die Melancholie der Moderne, die der Natur nicht mehr traut, aber sich noch sehnt nach der Romantik.

In andere Epochen blickt Schläpfer auch mit den drei Stücken, die er seiner Uraufführung voranstellt. Er zeigt ein frühes und ein Spätwerk des Briten Antony Tudor, der in den 1930er Jahren begann, in der Sprache des klassischen Balletts neu zu deklinieren. Die brillante Geigerin Natasha Korsakova ist dabei zu erleben mit einem Poème von Ernest Chausson. Sie tritt zugleich in Dialog mit den Tänzern und den Duisburger Philharmonikern, denen unter der Leitung von Axel Kober ebenfalls ein großer Abend gelingt.

Noch weiter zurück greift Frederick Ashtons Choreografie zu fünf Walzern von Johannes Brahms im Stil der Tänzerin Isadora Duncan. An der Rheinoper verkörpert Camille Andriot die große Expressionistin des Tanzes, die stets barfuß in fließender Tunika auftrat – die griechische Göttin des Jugendstils. Frappierend, wie Andriot sich den exaltierten Stil der Duncan einverleibt hat. Noch immer wirkt es rebellisch, wenn Andriot Tanzschritte mit bloßen Füßen vollführt und mit wehendem Tuch und flatterndem Gewand die Bühne in Besitz nimmt. Das hat etwas von der Übertriebenheit des Stummfilms und zugleich eine fast kindliche Inbrunst, einen sturen Willen, Musik und die eigenen Gefühle zu verkörpern. Andriots Auftritt im Körper der Duncan reißt die Zuschauer mit sich in eine andere Zeit, das ist mehr als nostalgisches Vergnügen.

Das Duisburger Publikum feierte diesen Abend b.14, feierte Schläpfer und das imposante Ballettensemble, das sich da nach einem großen Abend verbeugte. In solchen Momenten kann eine Stadt stolz sein auf ihre Kultur – und sich bewusst werden, was auf dem Spiel steht.

Quelle: RP
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