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Düsseldorf
Schläpfers zertanzte Oper
Düsseldorf. Die Deutsche Oper am Rhein brachte im Düsseldorfer Haus Jean-Philippe Rameaus Barockoper "Castor und Pollux" heraus. Erstmals inszenierte Ballettchef Martin Schläpfer, GMD Axel Kober dirigierte Sänger, Chor und die Neue Düsseldorfer Hofmusik. Von Wolfram Goertz

Über das Paarungsverhalten in der antiken Mythologie sollten sich romtreue Kardinäle und Humangenetiker heutzutage nicht äußern. Wer da wen mit wem in die Welt setzte, das übersteigt alle Vorstellungen. Der genetisch aberwitzigste Fall beschäftigt uns heute. Castor und Pollux, diese beiden, sind Zwillinge, haben ungleiche Väter, aber dieselbe Mutter und wurden sogar in derselben Nacht gezeugt. Die Liebe der zwei exemplarischen Früchtchen ist so krisensicher wie Beton unter einer Kinderschaukel. Während Pollux als Sohn Jupiters allerdings unsterblich ist, fällt Castor auf dem Schlachtfeld. Zurück bleibt Télaïre, die Geliebte Castors. Pollux ist über all dies so abgrundtief betrübt (weil heimlich auch er Télaïre liebt), dass er Castor aus der Unterwelt erlösen und seinen Platz einnehmen will. Jupiter hat am Ende ein Einsehen und nagelt Castor und Pollux als unsterbliches Sternbild Zwillinge ans Firmament. Problemlösung nach Göttervaterart: Brüder, zur Sonne! Télaïre darf bisweilen als Schnuppe vorüberziehen.

Aus diesem Stoff hat Jean-Philippe Rameau seine kostbarste Oper gewirkt: "Castor und Pollux" (1737). Mit diesem Geniestreich der zur Eigenständigkeit erwachenden französischen Barockoper schlägt die Deutsche Oper am Rhein nun ein ebenso bedeutendes Kapitel auf: Martin Schläpfer, der Ballettchef, inszeniert seine erste Oper, und Generalmusikdirektor Axel Kober steht erstmals vor einem ausgefuchsten Alte-Musik-Ensemble, der Neuen Düsseldorfer Hofmusik. Im Düsseldorfer Haus herrschte sonderliches Gesumm der Vorfreude, und sollte der Abend glücklich enden, war Schläpfer die Heiligsprechung sicher.

Darauf wird die Gemeinde warten müssen. Schläpfer ist nicht über Nacht zum Opernregisseur geworden, der singende Menschen und ihre Emotionen bewegt; er versorgt alle Leidenschaften über den künstlichen Bypass des Tanzes. Fortwährend sind Tänzer auf der Bühne, die uns das Fühlen der Opernfiguren wie Doubles vorzappeln und ihre Turnschuhe auch in Pianissimo-Momenten der Musik ungerührt quietschen lassen. Das ist bei den als Ballett vorgesehenen Passagen der Partitur originell und typisch schläpferisch, stellt anderswo aber die Bühne voll und gebiert optische Überversorgung. Erst bei der Brüderdebatte um Ehre, Pflicht, Liebe und Verzicht beruhigt sich Tanzmeister Schläpfer.

Trotzdem ist es ein Jammer, dass Schläpfer die Sänger auf der Bühne nie so aussehen lässt, als fühlten sie, was sie singen. Günes Gürle als Pollux phrasiert sehr schön und differenziert, guckt aber stets wie ein Bilderbuch-Finsterling, der am liebsten ein Attentat auf den kompletten Olymp verüben möchte; dabei ist Polluxens psychologisches Panorama, das sogar die Ruhmgier einschließt, einladend weit gespannt. Télaïre (mit leuchtendem Sopran, als sei sie schon im ersten Akt am Himmel angekommen: Alma Sadé) schaut immerzu grimmig und hinterlistig. Jupiter (Sami Luttinen) ist zur Blässe verdonnert; auf absurden Kothurnen ist Vitalität ohnedies gebremst. Der Chor steht statuarisch herum, wie Gipsfiguren im Schaufenster.

Alle tragen zeitlos leichte Gewänder mit obskurem Kopfschmuck (Ausstattung: Rosalie), Jupiter muss sich sogar eine in die Stirn geschobene Taucherbrille gefallen lassen; im Hintergrund schimmert eine Wand aus Bienenwaben in allen möglichen Farben. Hinreißend allerdings die Unterwelt-Szene in milchigem Licht, in dem vermutlich gefallene Riesen Badminton spielen und ihre Bälle auf dem Boden liegen lassen.

Insgesamt eignet der Produktion etwas Zeremonielles, sie wirkt formalistisch, kopflastig, sozusagen wie Robert Wilson im Gymnastikstudio – und das Schlussbild mit den bubenhaft brav an Jupiters Seite stehenden Dioskuren ist lediglich eine matte Kulisse für eine getanzte Vollbeschäftigung der Compagnie. Die ist natürlich fabelhaft, und selbstverständlich fallen Schläpfer wieder wunderbare Hebefiguren und Pirouetten ein. Aber sie gewinnen eine Aufdringlichkeit, die dem Werk nicht gut tut.

Dass der Abend gleichwohl an Pracht nicht verliert, ist den Musikern zu danken. Wir hören Rameaus Musik in all ihren Nuancen und amethysthaften Details, ihrer Lust am harmonischen Aufbruch und an der Unkonventionalität. Kober dirigiert, als habe er nie etwas anderes gemacht. Natürlich spielt ein Ensemble wie die Neue Düsseldorfer Hofmusik von sich aus mit staunenswertem Format, natürlich beherrscht es die Regularien historischer Artikulation und Stricharten aus dem Eff-Eff, aber Kober sorgt dafür, dass nichts schablonenhaft tönt, nichts beiläufig. Er reißt eine dynamische Vielfalt aus tönenden Miniaturen und großen Gesten auf, die hinreißend ist.

Die Sänger schließen sich dieser musikalischen Sehnsucht nach der Erweckung aus mythologischer Ferne gern an. Aus dem jungen, elastischen Ensemble ragen weiterhin heraus: Jussi Myllys' emphatisch tenoraler Castor und Claudia Brauns dringliche Phébé. Noch die kleinste Partie ist edel besetzt. Und was der Chor der Rheinoper (Einstudierung: Gerhard Michalski) an stilistischer Kompetenz bietet, als singe er täglich Bach oder Monteverdi, ist ein kleines Wunder.

Hinterher wurde in hausüblicher Weise ovationiert. Dass auch Leute Bravo rufen, die zuvor vernehmlich gegähnt haben, ist kein Widerspruch. Gähnen und Jubeln sind ihrerseits ungleiche, aber sehr menschliche Zwillinge.

Quelle: RP
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