Ausstellung der "Flick Collection" in Berlin eröffnet: Schröder nimmt Flick gegen Kritiker in Schutz
zuletzt aktualisiert: 22.09.2004 - 14:53Berlin (rpo). Die umstrittene "Flick Collection" ist am Dienstagabend von Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet worden. In seiner Rede nahm er den Kunstsammler Friedrich Christian Flick in Schutz. Es werde nichts totgeschwigen, denn persönlich habe Christian Flick nichts mit den Verbrechen seiner Familie zu tun. Begleitet wurde die Ausstellungseröffnung von Künstlerprotesten.
Schröders Rede wurde von den mehreren hundert Gästen drei Mal durch Beifall unterbrochen. Der Kanzler nahm jedoch den Kunstsammler in Schutz.: "Ich würde mir jedenfalls nicht anmaßen, die Lauterkeit der Motive eines Mannes zu bezweifeln, der eine 'Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz' gegründet hat", erklärte er am Dienstagabend zur Eröffnung der umstrittenen Ausstellung der "Flick Collection" in Berlin. Flick sei sich des Unrechts bewusst, dass sein Großvater Friedrich Flick als Rüstungsunternehmer zur NS-Zeit auf sich geladen habe.
Schröder unterstrich den mäzenatischen Gedanken hinter der "grandiosen Kollektion", die sieben Jahre öffentlich gezeigt werden soll. Und er appellierte an Flick: "Belassen Sie die Werke über die sieben Jahre hinaus in Berlin. Am besten für immer."
Schröder sagte, dies würde seiner eigenen Auffassung von gesellschaftlicher Verantwortung, vom Eigentum, das verpflichtet, und von der Kunst, die das Licht eines Museums brauche, entsprechen. Er erinnerte an andere Privatsammler wie Erich Marx, Egidio Marzona, Heinz Berggruen und Helmut Newton, deren Sammlungen ebenfalls unter das Dach der Staatlichen Museen und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gezogen seien. Das habe der Berliner Kulturlandschaft wesentliche Impulse gegeben.
Flick hätte seine Sammlung auch privat genießen können, hieß es in der Rede Schröders. Dies hätte dem Mäzen neben Kritik auch "einige Aufregung, ja verletzende Unterstellungen erspart". Persönlich habe Flick nichts mit den Kriegsverbrechen seiner Familie zu tun. Dennoch trage der Name Flick die Last der Vergangenheit und der Erinnerung. Davon seien die andauernden Auseinandersetzungen geprägt.
Kunst lenkt nach den Worten des Kanzlers weder von der Geschichte, noch vom Unrecht der NS-Zeit noch von der Verstrickung Einzelner ab. Die Stücke der Flick Collection seien jedoch brisant, sie provozierten zum Nach- und Weiterdenken, auch über Geschichte, Krieg und Moral. Kunst sei aber nicht geeignet, über deutsche Geschichte zu verhandeln.
Dennoch sei die öffentliche Debatte um die Ausstellung und den Sammler "produktiv und im besten Sinne lehrreich", sagte Schröder. Sie verhindere genau, was manche Gegner befürchtet hätten: "Nichts wird totgeschwiegen oder in die Geschichtsbücher verbannt. Nichts wird umgeschrieben oder geschönt." Die hohe Aufmerksamkeit, die über die Kunst erreicht werde, sei vielmehr eine Garantie, Geschichtsvergessenheit zu verhindern.
Die Debatte ermögliche, fuhr Schröder fort, "intensiv über die Geschichte der Flick-Dynastie, über die engen Verflechtungen zwischen Nazi-Regime und Wirtschaft und über das Schicksal von Zwangsarbeitern zu diskutieren". Sie sei ein Bestandteil des Projekts "Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof" geworden, sie werde die Ausstellung begleiten und dadurch die Auseinandersetzung mit der Geschichte fördern.
Der Mäzen Flick musste nach den Worten des Kanzlers "verletzende Unterstellungen" hinnehmen. Flick sei sich des Unrechts bewusst, das sein Großvater Friedrich Flick als bedeutender Rüstungsunternehmer zur NS-Zeit, der mehrere zehntausend Zwangsarbeiter beschäftigte, auf sich geladen habe.
Gegenüber dem Museumsbau Hamburger Bahnhof zeigte die Schauspielergruppe "Ost-Arbeiter" ein "Dokumentationstheater nach Briefen ehemaliger NS-Zwangsarbeiter". Schröder ermahnte die Kritiker Flicks, aufrichtig zu bleiben und sich vor vor der Falle der Selbstgerechtigkeit in Acht zu nehmen.
Die öffentliche Debatte um Ausstellung und den Sammler ist nach den Worten Schröders eine Garantie gegen Geschichtsvergessenheit. Er appellierte an den Enkel des Rüstungsunternehmers, die Ausstellung nach Ablauf der vertraglichen Leihgabenzeit von sieben Jahren in Berlin zu belassen: "Am besten für immer."
Flick sagte, er nehme die Rede Schröders als Zeichen, dass die Deutschen "gemeinsam versuchen müssen, die Vergangenheit aufzuarbeiten". Es sei nicht hilfreich, die Debate auf einzelne Namen zu beschränken. Er könne seine Verantwortung für die Geschichte nicht an die Gesellschaft delegieren und umgekehrt. Die kommenden sieben Jahre nannte er eine Verlobungszeit. Diese solle genossen werden. "Und wenn am Ende (....) eine Hochzeit steht, umso besser," erklärte Flick.
Deutliche Kritik hatte zuvor der Leiter des Holocaust-Dokumentationszentrums Fritz Bauer Institut, Micha Brumlik geäußert. Er sagte im Deutschlandradio, Schröder und Kulturstaatsministerin Christina Weiss hätten genug Zeit gehabt, auf eine Dokumentation über die Herkunft des Flick-Vermögens hinzuwirken, die Teil der Ausstellung sein müsste.
Brumlik sagte, er nehme Flick, den er als "hochrangigen Steuerflüchtling" bezeichnete, auch die ernsthafte Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte nicht ab. Ihn bestürze auch, dass die selben deutschen Künstler und Intellektuellen, die in Zürich gegen die damals noch dort geplante Ausstellung protestiert hätten, nun "in absolutes Schweigen verfallen" seien.
"Verbrechen wird immer wieder beim Namen genannt"
Kulturstaatsministerin Weiss betonte, Flick habe die Kriegsverbrechen seines Großvaters immer wieder beim Namen genannt. Die Ausstellung von zunächst 400 der insgesamt 2.000 Werke im Hamburger Bahnhof und der angrenzenden Rieck-Halle zeige Werke aus einem "Jahrhundert der tiefsten Verwerfungen". Entstanden sei ein Museum der Gegenwartskunst, "das es in diesem Ausmaß kein zweites Mal gibt".
Auch der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS) verteidigte die Ausstellung. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, wies Kritik an der angeblich ungeschickten Vertragsgestaltung mit Flick zurück.
Bei der Mehrheit der Deutschen stößt die Kunst-Schau auf Zustimmung. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Hamburger Magazins "Stern" halten es 58 Prozent der Befragten für richtig, die Sammlung des Millionenerben zu zeigen. 27 Prozent der Bundesbürger sind dagegen, dass die Collection in Berlin präsentiert wird. 15 Prozent haben keine Meinung zu dem Thema, wie es in dem am Mittwoch verbreiteten Beitrag heißt. An der Umfrage nahmen 1001 Personen teil.
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