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Köln
Schuberts dramatische Einfachheit

Köln. Die Pianistin Sheila Arnold fasziniert mit ihrer neuen Klavier-CD. Von Wolfram Goertz

In der klassischen Klaviermusik gibt es einen Katalog von Werken, die Zöglinge nach dem Wunsch ihrer Lehrer irgendwann gespielt haben sollten: Mozart-Sonaten. Die Erreichbaren der Beethoven-Sonaten. Teile des Wohltemperierten Klavier. Walzer von Chopin. Und natürlich die Impromptus von Franz Schubert. Die sind pianistisch gut zu bewältigen und geistig angenehm komfortabel zu erfassen.

Die Art, Schuberts Musik kategorisch als unzugängliches Bergwerk einer Seelensprache zu begreifen, in dem die wahren Ausdrucksdimensionen erst in elf Kilometern Tiefe zu finden sind, gehört dringend auf den Prüfstand gestellt. Manchmal ist Schubert viel simpler, schlichter, einfacher, überschaubarer, als wir glauben (sollen). Und Schuberts Abgründe? Ja natürlich gibt es die, aber doch nicht in jedem Stück, nicht in jedem C-Dur-Akkord steckt der Schatten des Todes oder der Welteinsamkeit.

Jetzt nimmt sich die großartige Pianistin Sheila Arnold die vier Impromptus D 899 vor, also Werke, die nur allergrößte Meister noch auf CD aufnehmen, weil sie die Popularität dieser Werke gewiss auch fürchten. Arnold, die im südlichen Indien geboren wurde, derzeit eine Klavierprofessur an der Kölner Musikhochschule innehat und durch Preise etwa beim weltberühmten Clara-Haskil-Wettbewerb auf sich aufmerksam machte, nähert sich Schubert nicht auf verwachsenem Pfad. Sie sucht keine Geheimnisse, wo keine sind; sie begreift diese Musik zu Recht vor allem als romantische musikalische Charakterskizzen. Das Es-Dur-Impromptu perlt apart und unaufdringlich, entfaltet aber im Moll-Mittelteil einen enormen Drive und am Ende sogar pure Dramatik. Das Ges-Dur-Impromptu verbreitet nichts als Unschuld. Das As-Dur-Impromptu ist eine Studie über Nervosität, die beinahe nicht zum Ausbruch kommt. Schon das einleitende c-Moll-Impromptu hatte alles, was ein aufgeklärter Schubert braucht: Versenkung und Offenheit. Sheila Arnolds Anschlagskultur ist so stark, dass sie diese typischen Schubertschen Konfliktzonen wunderbar bewältigt, in denen die Pausen wahre Löcher des Schweigens in die Musik reißen.

Und als seien die vier Meilensteine nicht genug, packt Arnold noch Schuberts G-Dur-Sonate D 894 auf die CD - und die gerät ihr nun wirklich sensationell. Dieses Schubert-Spiel hat Weite, Innigkeit und Intensität. Wer seinen Schubert mal unbewölkt, aber mit viel Seele erleben möchte, ist hier richtig (Label Avi)..

Quelle: RP
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