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Serie: Bühnen des Alltags
Schwitzen vor Publikum

Bühne des Alltags: Sport im Schaufenster
Ratingen. Im Fitnessstudio trainieren Individualisten - und fühlen sich doch nicht allein. Denn durchs Schaufenster des Ladens kann ihnen jeder zusehen.  Von Dorothee Krings

Früher war das hier ein Autohaus. Karossen auf sieben Ebenen. Eine Bühne hinter Panoramascheiben für das motorisierte Glück. Heute sind auf derselben Fläche Geräte aufgebaut, die von menschlichen Körpern angetrieben werden: Laufbänder, Trimmräder, Apparate mit Gewichten, Seilen, Stahlfedern. Ein Großraum für die Fitness, in dem Musik mit unmissverständlichem Rhythmus den Takt vorgibt. Leute kommen, werfen ihr Handtuch über das Gerät ihrer Wahl, steigen auf den Sattel, starten das Laufband, greifen in die Ringe, legen los. Unter den Blicken der anderen.

Es sind junge Männer darunter, die auf den Stahltreppen zwischen den Ebenen immer zwei Stufen nehmen und an den Mucki-Maschinen trainieren. Und ältere Ehepaare, die sich Geräte nebeneinander aussuchen wie Liegen am Strand. Und eine junge Frau mit blondem Pferdeschwanz, Wasserflasche in der Hand, die kurz noch mit einem der Trainer plauscht: Urlaub in Ägypten war toll, aber das Essen zu gut. Und dann steigt sie aufs Laufband an der Schaufensterscheibe und läuft los, den Blick nach draußen gerichtet, aber umgeben von Menschen, die das Gleiche tun wie sie.

Deren Zahl steigt stetig. Vor zehn Jahren gab es in Deutschland noch fünf Millionen Mitglieder in Fitnessstudios, heute sind es etwa doppel so viele. Violetta Birynczyk ist eine von ihnen. Sie liebt die Bühne der kollektiven Verausgabung in dem gläsernen FitX-Haus am Rande Ratingens, kommt mehrmals pro Woche in das Studio, am liebsten, wenn es Kurse gibt - Trimmradfahren in der Gruppe, Rückengymnastik oder "Fatburnen". "Ich mache alles mit", sagt Birynczyk, "ich liebe es, alle meine Muskeln zu spüren, das gibt mir Power, das füllt meine Speicher mit Energie." Birynczyk ist 58 Jahre alt. Ansehen kann man ihr das nicht. Die zierliche Frau war mal Ballerina, hat an der Oper in Breslau getanzt. Dann entschied sie sich für Familie, kam nach Deutschland, wurde spät Altenpflegerin. Aber sie brauchte weiter eine Bühne - und fand sie im Fitnessstudio. "Ich habe mein Leben lang trainiert", sagt sie, "aber daheim würde ich mich belügen, da würde ich Übungen nicht 30 Mal machen, sondern mir schon nach zehn Mal leidtun." Birynczyk lacht. In der Gruppe passiert ihr das nicht. Da hat sie Spaß an der Anstrengung, fühlt sie motiviert von den anderen, die sich auch abrackern, und von den Trainern, denen alles ganz leicht fällt. "Ich habe immer in der ersten Reihe getanzt", sagt Birynczyk, "mir ist es nicht unangenehm, vor anderen zu schwitzen." Nun schiebt sie ihr Trimmrad stets in die erste Reihe, und ihr ist egal, ob andere schneller strampeln, am Ende steigen alle am Ausgangspunkt wieder ab. Und plaudern noch ein bisschen und gehen wieder hinaus in ihr Leben.

Wenn man ein wenig Zeit in solchen Clubs verbringt, kapiert man, dass die Fitnessstudios nicht nur Tempel des Körperkults sind, in denen leistungsbereite Menschen an ihrem physischen Outfit arbeiten. Es sind auch Orte beiläufiger Begegnung, gemeinschaftlichen Trainings - ohne Verbindlichkeit, aber auch ohne Gruppenzwang. In diesem Club ohne Vereinsmief können Individualisten nach ihren Regeln trainieren, ohne das Gefühl haben zu müssen, allein zu sein. Alle wirken immer gut drauf. Das macht Fitnessstudios attraktiv - und zu zeitgenössichen Theatern.

Video Eindrücke aus dem Fitness-Club unter: www.rp-online.de/alltagsbuehne

Quelle: RP
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