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Selbstbespiegelnde Videokunst von Frauen

In ihrer zwölften Jahresschau zeichnet Julia Stoschek in Düsseldorf den Weg der Pionierinnen nach. Von Annette Bosetti

Düsseldorf "Hello Boys" heißt eine Video-Arbeit von Hannah Wilke, in der die bildschöne Akteurin Fische küsst. Ort der aufregenden Begegnung: das Wasser. Und: Sie schwebt. Wilke gehört zu den Video-Pionierinnen. Berühmt geworden ist sie mit plastischen Nachbildungen des weiblichen Geschlechts. Feministisch gesinnt war die 1993 (früh) gestorbene US-Amerikanerin und narzisstisch auch. Das warfen ihr die Kolleginnen vor, als sie ab den 1970er Jahren begann, ihren Körper als Subjekt und Objekt ihrer künstlerischen Arbeiten einzubringen.

Dieses Video aus dem Jahr 1975 verleiht der zwölften Jahresausstellung von Julia Stoschek in Düsseldorf den Titel. Er ist augenzwinkernd gemeint und bitterernst. Wie Frauen auf Männer blicken ist Thema und all das, was zwischen beiden Geschlechtern passieren kann. Wie Frauen aber vor allem auf sich selbst blicken, ihre Rolle, ihren Körper und ihre Idealvorstellungen untersuchen, das ist Gegenstand der bewegten Bilder und der wenigen Fotoarbeiten, die aus Stoscheks 700 Werke umfassenden Sammlung zusammengestellt wurden. Voller Zweifel und nur selten anerkennend drücken Künstlerinnen sich aus, gelenkt von Scham oder Schamlosigkeit. Für ihr hohes Maß an Bereitschaft zur Selbstkritik sind Frauen bekannt. Das Interessante an dieser Schau ist der Blick zurück in eine Zeit, in der Emanzipation erst durchgeboxt werden musste, als auf der Straße, in Schlafzimmern und besonders mit den neugefundenen Mitteln der Kunst für eine Neupositionierung der weiblichen Hälfte der Welt gekämpft wurde.

Die Österreicherin Valie Export hatte sich 1968 einen Kasten vor die Brust geschnallt und lief damit auf dem Münchner Stachus herum, sie forderte Männer auf, in ihr "Tapp und Tastkino" einzugreifen. Eine bis heute unerhörte wie unvergessene Aktion, die im Video anzuschauen ist. Die Künstlerin nannte das "den ersten Frauenfilm". Valie Export ist 75 Jahre alt, sie wird am Freitag zur Eröffnung erwartet.

Die Gattung Videoskulptur gewinnt seit den 1980er Jahren immer mehr an Bedeutung und wurde oft als Heimkehr der antimusealen und sich dem Kunstmarkt entziehenden Videokunst in das Museum gedeutet. Die belgische Pionierin Marie-Jo Lafontaine zeigt ihre Arbeit "Les larmes d'acier ("Stahltränen"). Im Entree stimmt die Arbeit auf die Vielfalt ein, die einen erwartet. Ein Mann auf mehreren Monitoren, gefilmt in ästhetischer Körperlichkeit, fast wie von Arno Breker gehauen, diese Bilder ummantelt von einer möbelartigen Behausung - dazu betörender Gesang von Maria Callas.

Zum Video gehören viele Kanäle, bewegte Bilder und bewegende Gesamtsichten. Das rückt das Medium nah, man kann sich schwer entziehen. 20 Positionen stehen für individuelle künstlerische Auseinandersetzungen. Am stärksten schert Barbara Hammer mit ihrem Film "Sanctus" aus der Wirklichkeit aus: Sie verquirlt Röntgenaufnahmen zu malerischen Bildern, die von Zerbrechlichkeit und gleichsam von Berührungen der Körper berichten.

Info Ab 13. Februar in der Julia-Stoschek-Collection, Düsseldorf, Schanzenstr. 54. Geöffnet: Sa + So 11 - 18 Uhr. Eintritt frei. Führungen: alle 14 Tage sonntags, 12 Uhr. www.julia-stoschek-collection.net

Quelle: RP
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