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Düsseldorf
Sie schrieb Gedichte fürs Leben

Düsseldorf. Vor 25 Jahren starb die jüdische Lyrikerin Rose Ausländer in Düsseldorf. Von Peter Kohl

"Ich schreibe mich/ins Nichts/es wird mich ewig/aufbewahren." Rose Ausländer war sich durchaus bewusst, dass sie im Lauf ihres Lebens, das vor 25 Jahren, am 3. Januar 1987, endete, ein lyrisches Werk geschaffen hat, das bleiben wird. Ihre Bilderwelt wurde geprägt von ihrer Heimat in Galizien. In Czernowitz in der Bukowina, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, wurde sie 1901 als Rosalie Beatrice Scherzer geboren. Czernowitz war damals ein Zentrum der deutschsprachigen jüdischen Kultur. Gleichberechtigt lebten die Juden neben Ukrainern, Polen, Ungarn, Rumänen und christlichen Österreichern, inmitten anderer Sprachen, Religionen und Kulturen.

"In dieser Atmosphäre war ein geistig interessierter Mensch geradezu gezwungen, sich mit philosophischen, politischen, literarischen oder Kunstproblemen auseinanderzusetzen", erinnerte sie sich später an diese versunkene Welt, in der sie verwurzelt blieb, auch wenn sie sie immer wieder verlassen musste. Während des Ersten Weltkriegs zog die jüdische Kaufmannsfamilie für einige Zeit nach Wien, kehrte aber 1919 nach Czernowitz zurück, das mittlerweile zu Rumänien gehörte. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1922 übersiedelte die Tochter nach New York, wo sie als Bankangestellte arbeitete, dort heiratete sie Ignaz Ausländer. Sie trennte sich von ihm, als sie sich gegen Ende 1926 in den Kulturjournalisten Helios Hecht verliebte. Ihre ersten Gedichte erschienen in lokalen Zeitungen. 1935 erfolgte die schmerzhafte Trennung von dem Geliebten, den sie in einigen ihrer Gedichte verewigt hat: "Mein Leben lebt durch deine Liebe auf/die weite Welt ist wieder mir beschert/du bist mein Zeiger, ich dein Ziffernlauf/dein Schreiten erst gibt meinen Zahlen wert." 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, erschien ihr erster Gedichtband in Czernowitz.

Die Stadt wurde von sowjetrussischen Soldaten besetzt, Rose Ausländer als vermeintliche US-Spionin inhaftiert. 1941 folgten die Soldaten des mit Nazi-Deutschland verbündeten Rumänien und SS-Einsatztruppen. Rose Ausländer und ihre Mutter landeten im Ghetto, es gelang ihnen aber unterzutauchen. Nach der Befreiung der Stadt durch die Rote Armee verließen Mutter und Tochter die Heimat.

Ab 1946 lebte Rose Ausländer wieder in New York. Neue Gedichte schrieb sie in englischer Sprache, so verhasst war ihr alles Deutsche geworden. 1956 gelang es ihrer Dichterkollegin Marianne Moore, sie zu überzeugen, wieder in ihrer Muttersprache zu schreiben. Die Begegnung mit Paul Celan 1957 brachte sie dazu, ihren Stil zu modernisieren, den Rhythmus freier zu gestalten, auf Reime zu verzichten. 1965 verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Düsseldorf. Ihr zweiter Gedichtband "Blinder Sommer" (1965) bescherte ihr den Durchbruch. Sie unternahm noch einige Reisen, ehe sie 1972 ins Nelly-Sachs-Haus, das Altenheim der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, zog. Dort blieb sie literarisch produktiv, selbst nachdem sie 1977 erklärte, ihr Bett nicht mehr verlassen zu wollen. Jedes Jahr erschien ein neuer Lyrikband von ihr, es häuften sich die Auszeichnungen. Ihre Gedichte, in denen sie Exil, Verlust und Heimatlosigkeit ausdrückte, wurden in viele Sprachen übersetzt. Ungebrochen blieb bis zuletzt ihr Glaube an die sinnstiftende Macht des Wortes: "Ich Überlebende/des Grauens/schreibe aus Worten/Leben."

(kna)
 
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