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Geschichte
Skagerrak: Die große Schlacht

Düsseldorf. Vor 100 Jahren kämpften Briten und Deutsche im Skagerrak um die Vorherrschaft. Es war die größte Seeschlacht der Weltgeschichte. Von Lothar Schröder

An diesem Tag regieren so viele Zufälle, grandiose Fehlkalkulationen und Ratlosigkeiten auf beiden Seiten, dass man die größte Seeschlacht der Weltgeschichte fast als ein groteskes Ereignis bewerten müsste - jedenfalls aus der Ferne und mit dem zeitlichen Abstand von 100 Jahren. Doch das verbietet sich schon wegen knapp 9000 britischer und deutscher Matrosen, die bei dieser Schlacht ihr Leben lassen. Als "Battle of Jutland" geht dieser Seekrieg in die englische Geschichte ein, "Skagerrak-Schlacht" heißt sie in deutschen Geschichtsbüchern.

Ungeheuerlich, was da Ende Mai 1916 vor der Küste Dänemarks aufeinandertrifft: über 250 deutsche und britische Schlachtkreuzer, Zerstörer, Panzerkreuzer und Torpedoboote. Eine vergleichbare Ansammlung von modernstem Kriegsgerät zu Wasser hat es noch nie gegeben und sollte auch danach keine Wiederholung finden. Denn eigentlich zeigt sich von Beginn an, dass ein solches Aufgebot kaum zu manövrieren war. Vieles musste unwägbar bleiben.

So steckt hinter den Motiven beider Kriegsparteien weniger strategisches Kalkül als vielmehr machtpolitischer Wille. Das scheinbar glorreiche Ziel ist es nämlich, in einer einzigen Entscheidungsschlacht die Herrschaft über die Nordsee zu erlangen. In diesem Bewusstsein stechen am 31. Mai die deutsche Hochseeflotte und die Grand Fleet der Royal Navy in See. Wobei die Vorteile zunächst bei den ohnehin überlegenen Briten liegen. Denn die wissen von den deutschen Plänen und verlassen früh ihre Häfen, da sie mit Hilfe eines erbeuteten Funksignal-Handbuchs die Kommunikation der Deutschen verfolgen.

Dennoch: Die Aufklärung insgesamt ist derart mangelhaft, dass die gewaltigen Flotten die Position des Feindes kaum kennen und am Nachmittag dieses Tages eher per Zufall aufeinanderstoßen. Was dann geschieht, fasziniert und entsetzt Militärhistoriker bis heute und ist Stoff für mehrere Bücher. Über die zögerliche Haltung des britischen Admirals und Befehlshabers John Jellico etwa, über abenteuerliche und verzweifelte "Gefechtskehrtwendungen" der Deutschen durch ihren Befehlshaber Admiral Scheer, die schlechte Qualität britischer Geschosse und die geringere Geschwindigkeit deutscher Schiffe. Gekämpft wird - wie zu alten Seekriegszeiten - bei Tag und auf eine Entfernung von einem guten Dutzend Seemeilen. Die Trefferquote liegt bei etwa fünf Prozent. Zwischenzeitlich ist das Lagebild der Seeschlacht völlig unklar, so dass der Admiral Jellicoe auf seinem Flaggschiff in die Runde fragt: "Ich wünschte, jemand könnte mir sagen, wer hier auf wen schießt."

Wahrscheinlich ist es dann die hereinbrechende Dunkelheit, die nach mehrstündigem Beschuss die deutsche Flotte vor der Niederlage bewahrt. Die Feinde verlieren Sichtkontakt, und Scheer sucht den Schutz der deutschen Minenfelder vor der Küste Jütlands. Auch in der Nacht kommt es noch zu einzelnen Gefechten, die das Chaos perfekt machen. Wer sich da wem nähert, wird mitunter auf fatale Weise fehlgedeutet. Deutsche versenken Deutsche, Briten versenken Briten.

Über 25 Schiffe gehen verloren, 6094 britische Matrosen sterben, 2551 deutsche; unter ihnen auch der Schriftsteller Johann Kinau, dessen Künstlername Gorch Fock ist und der Namensgeber des deutschen Schulschiffes werden sollte. Beide Nationen werden für sich den Sieg beanspruchen, doch keiner glaubt wirklich daran. Allenfalls dienen solche Behauptungen in der Weimarer Republik der Propaganda rechtsextremer Parteien, die mit Skagerrak-Feiern in Wilhelmshaven deutsches Heldentum heraufbeschwören. Am Machtverhältnis ändert die Seeschlacht nichts; die Seeblockade erhalten die Briten bis zum Ende des Krieges aufrecht.

Skagerrak bleibt die einzige Schlacht beider Flotten. Bis zum Kriegsende werden sie als Großverband in ihren Heimathäfen verharren; gelähmt und scheinbar zwecklos. Militärisch hat sich mit dieser Seeschlacht ein Großaufgebot an Schlachtschiffen als sinnlos erwiesen. Am Ende verwandelt sich die größte Seeschlacht der Geschichte in eine Legende. Sie wird in Bildern verewigt, in Romanen nacherzählt und in Filmen wiedergeboren.

Und sie hat eine historische Pointe. Denn ausgerechnet die deutsche Hochseeflotte, Kaiser Wilhelms liebstes Kind, wird den Sturz des Monarchen einleiten. Denn so tatenlos will die deutsche Admiralität den Weltkrieg doch nicht enden lassen und beschließt, Ende Oktober 1918 nach Skagerrak zu einem zweiten "ehrenvollen" Entscheidungsgefecht auszufahren. Ein sinnloses Unterfangen. Das wissen alle. Auch die Matrosen. Sie meutern gegen diese "Todesfahrt", ziehen nach Kiel und Berlin und lösen schließlich die Revolution aus.

Quelle: RP
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