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Interview mit dem Karlsruher Philosoph
Sloterdijk: Europa ist Pjöngjang hoch fünf

Interview mit dem Karlsruher Philosoph: Sloterdijk: Europa ist Pjöngjang hoch fünf
FOTO: ÄkNo/Jochen Rolfes
Karlsruhe. Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk warnt in seinem neuen Buch vor den Gefahren der Moderne und erinnert an die Kraft der Bewahrung. "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" heißt der neue Großessay, mit dem der 67-jährige Philosoph einen kritischen Blick auf das Treiben der Gegenwart wirft. Von Lothar Schröder

Welche Etappe markiert in Ihrem Gesamtwerk der neue Groß-Essay? Nach Ihr Hymne an das Üben in "Du musst Dein Leben ändern" erscheinen mir die "Schrecklichen Kinder der Neuzeit" jetzt wie ein Katastrophenbefund der Moderne – ohne jede Perspektive.

Sloterdijk "Du musst Dein Leben ändern" war der breit angelegte Versuch über Verfahren, mit denen Menschen es unternommen haben, ihr eigenes Leben in Form zu bringen und an die Zügel ihres eigenen Lebensfahrzeuges zu nehmen. Es ist ein optimistisches Buch, weil es zeigt, dass der Mensch immer etwas tun kann, auch wenn er nichts tun kann.

Ihrem neuen Buch scheint jede Hoffnungsperspektive zu fehlen.

Sloterdijk Ich bediene mich anderer Bilder, wie jenes von Otto Neurath über die Welt, in der es kein Dock mehr gibt und man das Schiff auf hoher See reparieren oder sogar umbauen muss. Allerdings sind wir aus der Gemütlichkeit der Seefahrt-Metaphern herauskatapultiert worden. Passender für unsere Gegenwart wäre wohl dies: dass die Menschheit einer Gruppe von Mafiosi gleicht, die sich an Bord eines Flugzeugs in 12 000 Meter Höhe eine Schießerei liefert. Insofern kann man von einem Prinzip der wachsenden Ungemütlichkeit sprechen.

Wie sind Sie zu diesem freudlosen Blick auf die Welt gekommen?

Sloterdijk Stellen Sie sich eine Drehbühne vor, die eine Viertel Umdrehung macht und dann stehenbleibt. Man sieht dann ein ganz anderes Stück. Ich habe also nicht wie ein Soziologe oder Historiker die Welt in einer erzählbaren Situation dargestellt, sondern eher wie ein Physiker, der eine langsam laufende Lawine, eine Geröllbewegung beschreibt.

All diese Bilder nähren sich vom Zustand scheinbarer Unweigerlichkeit.

Sloterdijk Die moderne Gesellschaft beruht auf Formen der Veränderungen, die irreversible Folgen haben. Man löst zwar eine sich selbst proklamierende Entwicklung aus – etwa zum sozialen Fortschritt; in Wahrheit wird aber ein Geschehen ausgelöst, das sich mehr und mehr der Kontrolle der Akteure entzieht. Das kann man am besten am Beispiel der Französischen Revolution erklären, bei der Absicht und Ergebnisse weit auseinanderklaffen. Ein aktuelles Beispiel sind die völlig unkontrollierbar gewordenen Turbulenzen der Finanzströme, von denen ja niemand mehr behauptet, dass sich in diesen Vorgängen ein tieferer Plan verwirklicht. Wie ist es möglich, dass sich ein so kartenhausartig gefügtes Gebilde überhaupt so hartnäckig zu behaupten versteht? Das Gefühl für die Zerbrechlichkeit unserer Weltkonstruktion ist sehr weit verbreitet. Ich weiß nicht, ob die Menschheit ihre Reserven an Leichtsinn ganz aufbrechen kann; ich habe nur das Gefühl, dass wir im Moment große Portionen davon verzehren.

Warum machen dann alle weiter, uns selbstverständlich eingenommen? Kann man sich von diesem Prozess überhaupt abkoppeln?

Sloterdijk Man könnte natürlich Fundamentalopposition betreiben oder jene Haltung wieder aufnehmen, die in den 60er Jahren unter dem Schlagwort der großen Verweigerung lief. Das alles ist aber weitgehend marginalisiert.

Also hat sich die Menschheit zu einem globalen Strom der Lemminge aufgestellt?

Sloterdijk Das liegt an dem von Tag zu Tag voranschreitenden Tuning auf gemeinsame Werte, gemeinsame Appetite, auf gemeinsame Erregungen; die Gesellschaft erotisiert sich ständig auf eine bisher nicht bekannte Art und Weise. Sie diskutiert in einer bislang beispiellosen Intensität darüber, wie man sich ernähren sollte. Sie bildet eine riesige imaginäre Tischgemeinschaft, für die mehr oder weniger das Gleiche auf den Teller kommt. Sie erregt sich über dieselben Verbrechen, sie bejubelt die gleichen sportlichen Erfolge. Das ist alles sehr bizarr, wenn man sich vorstellt, dass das ein Kollektiv von 80 Millionen Menschen ist, die ein solch unwahrscheinliches Ballett aufführen. Wir regen uns auf über die Massensynchronien in Pjöngjang, wenn Individuen in den Stadien nur noch als Pixel in einem totalitären Gesamtbild wahrgenommen werden. Aber wir selbst haben keinen Sinn dafür, dass wir – von einem anderen Standpunkt aus gesehen – dieselben Massenchoreografien in noch viel intensiverer Weise ausführen. Könnte man Europa vom Mond aus während des European Song Contest beobachten, würde man sagen: Das ist Pjöngjang hoch fünf. Eine ganze Population wird da in eine Reflexgemeinschaft verwandelt. Das ist auch der Grund, warum es heute so schwer ist, echte Oppositionen noch zu formulieren.

Sind solche Massenchoreografien auch dem Geist der Französischen Revolution entsprungen, in der mit einem neuen Kalender ja sogar die Zeitrechnung eingeschlossen wurde?

Sloterdijk Das hat unbedingt damit zu tun. Diese Kalenderrevolution ist in ihrer Bedeutsamkeit nie ausreichend ernstgenommen worden. Der entscheidende Impuls der Französischen Revolution lässt sich mit dem Geschehen vergleichen, das sich im Frühjahr 1207 auf dem Marktplatz von Assisi abgespielt haben soll. Bei einer Gerichtsversammlung vor seinem Vater soll der junge Francesco ausgesagt haben: ,Bisher habe ich dich Vater genannt auf Erden, von nun an will ich sagen: Vater, der Du bist im Himmel.' Die Adresse des Vaters wird geändert und aus ihr eine transzendente gemacht. Das ist die erste Geste der großen Weigerung, und sie wird konstitutiv für die Moderne, indem die Kinder sich als herkunftslos betrachten und sich selbst in ein Verhältnis zu etwas setzen, was sie für das Absolute halten. Sie sind nicht mehr die Kinder ihrer Eltern, sondern die Kinder von etwas. Das reicht bis zu der Vorstellung, dass sie das, was sie sind, durch sich selbst geworden sind.

Und die Französische Revolution hat dies dann erstmals in großem Stile umgesetzt?

Sloterdijk In ihr wird die Adresse des Vaters ganz gelöscht und der Kopf des Vaters abgeschlagen. An die Stelle dessen tritt eine Gesellschaft von vorgeblich Gleichen, die strukturell die Verfassung einer Brüderversammlung hat. In ihr ist die Vater-Kind-Differenz ausgelöscht. Der Vater ist jetzt das Gesetz, und alle sind nur noch Kinder des Vaterlandes. Im Gesetz wird die Gleichaltrigkeit aller Bürger verwirklicht. In einer solchen Gesellschaft sollte es eigentlich keine Kinder geben.

Hat sich dieses Verhältnis bis in die Gegenwart übertragen?

Sloterdijk Kinder sind ja schon von Gesetzes wegen schrecklich, weil sie zunächst gar nicht vorgesehen sind. In den ersten 18 Jahren ihrer Existenz sind sie wie nicht vorhanden. Die schrecklichen Kinder der Moderne zeugen auch darum selbst keine Kinder mehr. Sie begnügen sich damit, selber letzte Menschen zu sein. Für solche ist die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung das A und O. Wo kämen wir hin, wenn die Folgen der Sexualität uns von Neuem auf die Galeere des Generationenprozesses zurückschleudern würden?

Ist uns auf diesem Weg auch das Gefühl für die eigene Geschichtlichkeit abhandengekommen?

Sloterdijk Die meisten längerfristigen Phänomene beziehen sich heutzutage auf Zinsen, Profitraten und auf all jene Prozesse, deren Nachhaltigkeit – Symptomwort unserer Zeit – wir wünschen.

Sollten wir uns also wieder stärker unseren Herkünften statt unseren Zukünften widmen?

Sloterdijk Moderne und Postmoderne haben ein stark präsentisches Pathos. Man geht eben davon aus, dass die Musik in der Gegenwart spielt – mit futuristischem Akzent. Da regiert die Überzeugung: Das Beste kommt erst noch. Dagegen setze ich eine authentisch konservative Logik mit der seltsamen Pointe, dass es nichts Progressiveres gibt als die Bewahrung, wenn es die Bewahrung des Richtigen ist. Das heißt: Wir haben zwar die Digitallogik in unseren Maschinen. Aber es spricht alles dafür, dass wir buchstabenkonservativ bleiben sollten. Und nur weil es Coca Cola gibt, geben wir die Geheimnisse der Vinifikation nicht auf, die in 2000 Jahren des Europäischen Weinbaus gewonnen und weitergegeben worden sind. Wir werden auch nachträglich Goethe-Gedichte nicht verbessern und Mozart-Symphonien nicht umschreiben, nur weil heute Synthesizer da sind, mit denen man es machen könnte. Mit anderen Worten: Die Geschichte ist immer auch eine Geschichte von Vollendungen. Und der Konservatismus besteht darin, zu wissen, welche Größen man unangetastet bewahren und weitergeben muss – auch wenn dies die Spielfreude mancher Generation beschwerlicher macht. Die Grundhaltung des Postmodernismus dagegen ist: Solange es von uns selber ist, ist das, was wir machen, den Klassikern unbedingt vorzuziehen.

Und früher gab es ein anderes Selbstverständnis und eine andere Wertschätzung für das Bewahrenswerte?

Sloterdijk Es gab ein paar Dinge, die sich früher ganz von selbst verstanden haben. So habend die Verfassungsväter und -mütter nicht ins Grundgesetz geschrieben, wo dieses Deutschland eigentlich ist. Wenn in 3000 Jahren die Aliens kommen und in den Trümmern Europas ein Grundgesetz finden und das mit einem Lesegerät entschlüsseln, erfahren sie viel über Deutschland, aber nicht, wo dieses Land einst war. Das ist ein Hinweis auf die Naivität des eingebetteten Lebens. Es scheint Dinge zu gegen, die so selbstverständlich sind, dass man nicht explizit machen muss, wovon die Rede ist. Das könnte ein Fehler sein.

Wann gelangt die Moderne an ihr Ende? Wenn Sie zum Stillstand kommt? Und hat sie auch die Qualität zur Selbstzerstörung?

Sloterdijk Zum Wesen der Moderne gehört die schöpferische Zerstörung. Indem Neues erzeugt wird, wird Altes automatisch vernichtet, sofern es nicht archiviert wird. Die Moderne ist demnach aus sich heraus zerstörerisch, weil sie schöpferisch ist. Es ist ein Riesenkonzert aus Kreativität und Expansionen, bei dem Zerstörungen und Schöpfungen Hand in Hand laufen. Eine Domestikation dieses Prozesses kann ich mir nur im Modus gegenseitiger Behinderung vorstellen. Wenn jeder jeden darin hindern könnte, all die Verrücktheiten zu begehen, die man sich vorgenommen hat, dann wäre ein Zustand erreicht, den man die geglückte Zivilisation nennen könnte. Diesem Zustand nähert man sich nicht durch Einsicht und Planung, sondern durch das Vermögen gegenseitiger Blockierung.

Spiegeln sich solche gesellschaftlichen Prozesse auch in der aktuellen Politik?

Sloterdijk Mir fällt auf, dass die wenigen Nationen auf der Welt, die ihren Handlungsspielraum bis zum Äußersten ausschöpfen, von der Weltöffentlichkeit als die großen Störenfriede angesehen werden. Die Russen tun mehr, als ihnen zusteht – hat man den Eindruck. Die Amerikaner haben es fertiggebracht, ihr Tun als bloßes Verwalten von Zuständen darzustellen. Und Israel ist ein Land, das bei jeder Gelegenheit die Panzer rollen lässt und so einen kriegerischen Handlungsspielraum für sich reklamiert, der für andere Nationen anstößig wird. Wenn man auf diese Phänomene schaut, kann man daraus schließen, dass mit der allmählichen Verstopfung der Ausfallstraßen in die Aktivität ein globaler Domestikationseffekt entstehen kann. Wobei die Bestrafung für Fehlverhalten heute mehr über Embargo und Sanktion läuft als über offene Angriffe. Die Ironie hierbei liegt wohl darin, dass auf der gegenseitigen Beschwichtigung die Hoffnung ruht.

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