| 09.52 Uhr

AC/DC-Konzert
So schön klingt Schmerz

Düsseldorf. AC/DC traten mit ihrem Gastsänger Axl Rose in der Esprit-Arena auf. 25.000 Fans erlebten einen großartigen Abend und die verbindende Wirkung des Lärms. Vielleicht ist das nicht mehr das Original, aber Axl/DC ist genauso gut. Von Philipp Holstein

Als das Licht ausging, sah man auf den mächtigen Leinwänden neben der Bühne einen Meteoriten, er glühte und raste in Richtung Erde, darauf saß ein Teufelchen und grinste. Es war laut, und irgendwann musste man sich die Ohren zuhalten, weil der Meteorit mit ungeheurem Krach im Stadion einschlug, man war geblendet von der Lichtexplosion, und als man die Augen wieder öffnete, stand da Angus Young und spielte Gitarre.

Der 61-Jährige trug die berühmte Schuluniform mit den kurzen Hosen, er ist ja zu ewiger Jugend verdammt, er watschelte nach vorne auf den Steg, und dabei schaute er wie jemand, der soeben erfahren hat, was sie beim Rodeo mit den Pferden machen, damit die richtig wild werden. Der kleine Mann zog eine Wand aus Lärm hoch, und ganz oben erschien plötzlich Axl Rose, er schrie die ersten Zeilen von "Rock Or Bust", sein massiger Körper geriet in Rückenlage beim Singen, die Stimme war so hoch und gepresst, dass ihm fast die Augäpfel platzten, sie fräste sich mit größtmöglicher Gemeinheit in die Ohren, es tat weh und zischelte böse, es war reiner Schmerz, und es war total toll.

AC/DC trat in der Esprit-Arena in Düsseldorf auf, 25.000 Menschen erlebten den 54 Jahre alten Guns N' Roses-Sänger am Mikrofon der australischen Band. Und wer zuvor gedacht hatte, dass das nichts werden kann, dass man so einen wie Brian Johnson nicht ersetzen kann, weil er doch 36 Jahre zur Band gehört hat, nun aber wegen seines kaputten Gehörs aufhören musste, ist zwar nett und bestimmt ein dufter Kumpel, aber er wurde eines Besseren belehrt: Es geht durchaus, und zwar ziemlich gut. Das mag nicht mehr das Original sein, aber Axl/DC ist genauso großartig.

Es waren vor allem Männer da, sie trugen Kleidung in allen Farben außer hell. Sehr viele hatten T-Shirts von Bands an, deren Texte sich mehr mit Blutdurst als mit Blumen beschäftigen, von Metallica etwa, Motörhead und Pantera. Einer trug sogar eines von den Scorpions, aber der stand alleine herum, und als er sehr gut hörbar aufstieß, rief jemand "Wer so spricht, lebt noch" herüber, und alle lachten. Rührend zu sehen war, dass manche Paare im Heavy-Metal-Partnerlook erschienen waren. Männer mit Kinderstube schenkten ihren Damen batteriebetriebene Teufelshörner mit Beleuchtung zu zehn Euro, und stolz strahlte der Vater im Anzug, der mit seiner halbwüchsigen Tochter erschienen war: Auf ihrer Lederjacke prangte ein Aufnäher mit dem Covermotiv der AC/DC-Platte "Powerage" aus dem Jahr 1978.

Auf der Bühne türmten sich 48 Marshall-Boxen, davor rannte Axl Rose auf und ab, am Hals lange Ketten, an den Fingern schwere Ringe, und zu Beginn wirkte er wie Mickey Rourke in dem Kinofilm "The Wrestler": ein Überlebender, der nicht anders kann als zuzubeißen. Die wenigen Ansagen gerieten lakonisch: "You might know this song", keifte er, und dann kam "Back In Black". Er hielt sich zumeist im Hintergrund, überließ Angus Young, dem letzten verbliebenen Gründungsmitglied der Band, den Platz ganz vorne. Er sang umwerfende Versionen von "Shoot To Thrill" und "Dirty Deeds", und bei "Thunderstruck" dachte man, Schlagzeuger Chris Slade, der auch Slaughter heißen könnte, springe jedem Zuhörer persönlich auf den Brustkorb, um ihn besser verhauen zu können. Tat schön weh.

Das Tolle an diesem Konzert war nun, dass man sich geradezu geborgen fühlte. Man lebte für etwas mehr als zwei Stunden unter einer Glasglocke aus Lärm, draußen war egal, morgen auch; alle standen selig da, und wer konnte, ließ seine Hörner rot blinken. Man fragt sich ja immer, was Angus Young mit seinem Mund macht, es sieht aus wie bei einem Fisch, der schon zu lange an Land liegt, vielleicht spricht er auch Romane in den Wind, man weiß es nicht, und gegen Ende des Abends begann man zu ahnen, dass er über den Mund Stimmungen aufnimmt, die Zuneigung der Versammelten, die Atmosphäre.

Beim 15 Minuten langen Gitarrensolo von "Let There Be Rock" etwa, da setzte er immer wieder ab und begann dann von neuem, weil er spürte, dass alle es wollten, und schließlich legte er sich auf den Boden und spielte, als sei er irre, der kleine Angus möchte aus dem Stahlbad abgeholt werden. Er ist der Beweis, dass nicht Vitamine gut sind für den Körper, man braucht eigentlich nur Strom.

Die Hure Rosie hatte wie immer ihren Auftritt als ausladende Aufblas-Puppe, die fette Glocke läutete bei "Hell's Bells", und Axl Rose zog sich mehrfach um. Irgendjemand hat mal geschrieben, es wirke stets, als lege ihm die Ehefrau von Thomas Gottschalk die Sachen raus, und das trifft es genau. Bei der Zugabe "Highway To Hell" trug er weiße Lederjacke, Stirnband und Sonnenbrille, er sah verjüngt aus damit, ein bisschen wie in den 90ern, und wie damals tanzte er sogar kurz im Kreis. Zwischendurch lächelte er, man konnte dann sein Herz schlagen hören, und man spürte eine eigenartige Zuneigung. Für die da oben, für sich selbst und diese Gemeinschaft. Als Angus Young die Gitarre auch noch mit seiner Krawatte malträtierte, musste man lachen und seufzen. Die Ohren klingelten. Let There Be Rock.

Beim Rausgehen spürte man Teufelshörner am Kopf brennen. Dabei hatte man gar keine aufgesetzt.

Quelle: RP
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