Ehrendoktor der Humboldt-Universität: Späte Anerkennung für Marcel Reich-Ranicki
zuletzt aktualisiert: 16.02.2007 - 18:36Berlin (RPO). Die Berliner Humboldt-Universität hat im Rahmen eines Festakts dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde verliehen. Im jahre 1938 hatte ihm die Hochschule einen Studienplatz verweigert, weil er Jude ist.
Die Universität stehe zu ihrer historischen Verantwortung und Schuld, erklärte Universitätspräsident Christoph Markschies am Freitag bei der feierlichen Verleihung. Das, was Reich-Ranicki angetan worden war, sei nicht wieder gut zu machen.
Der "braune Ungeist" habe damals auch die Universitäten durchdrungen, betonte Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit meinte, die Ehrendoktorwürde könne das damalige Leid nicht aufwiegen. «Sie ist spätes, ein allzu spätes Bekenntnis zur deutschen Verantwortung.» Eigentlich habe die Universität ein Ort der Wahrheit und der Freiheit sein sollen, sagte auch Markschies. Doch auch die damalige Friedrich-Wilhelms-Universität habe sich der Diktatur ausgeliefert.
Reich-Ranicki sagte, er sei völlig ohne Hass und es bestehe auch kein Grund für Wut. Jede andere Universität in Deutschland hätte ihm zu damaliger Zeit einen Studienplatz verweigert. «Wo millionenfach gemordet worden ist, war die Ablehnung fast eine Lappalie.» Heute habe er das erste Mal wieder die jetzige Humboldt-Universität betreten. Insgesamt sei ihm die Ehrendoktorwürde schon acht Mal verliehen worden. Doch so gern wie heute habe er sie noch nie angenommen, sagte der 86-Jährige.
Frühe Leidenschaft für Kunst und Kultur
Reich-Ranicki wurde in Polen geboren und verbrachte seine Jugend in Berlin. Schon damals entdeckte er seine Leidenschaft für Kunst und Kultur. Für ihn ist der bedeutendste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts Thomas Mann, auch weil er sich öffentlich vom NS-System distanzierte.
1938 wurde Reich-Ranicki nach Polen ausgewiesen und 1940 gezwungen, in das Warschauer Getto umzusiedeln. Nur durch Glück und Zufall überlebte er den Zweiten Weltkrieg. Heute sagte Reich-Ranicki, er habe die schwere Zeit überstanden, weil er die deutsche Literatur im Gedächtnis mitgenommen habe.
Die Humboldt-Universität sieht sich als Rechtsnachfolgerin der Friedrich-Wilhelms-Universität. «Dass der einst nicht Zugelassene nun nach so vielen Jahren als Ehrendoktor ein Mitglied der Nachfolgeeinrichtung wird, erfüllt die ganze Universität mit großer Dankbarkeit», unterstrich der Universitätspräsident. An der Verleihung nahm auch Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker teil.
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