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Duisburg
Speed-Dating junger Choreografen

Duisburg. Ballett der Rheinoper präsentiert den Nachwuchs mit umjubelten Miniaturen. Von Regine Müller

Seit Martin Schläpfer Chef des Balletts am Rhein ist, hat sich das Publikum der Rheinoper daran gewöhnt, an einem Abend drei unterschiedliche Tanz-Handschriften zu erleben. Nun aber gilt es, nicht weniger als sechs Choreografien zu verarbeiten, denn in dem neu aufgelegten Format "Young Moves" zeigen sechs Tänzerinnen und Tänzer der Schläpfer-Compagnie erste eigene Choreografien. Allerdings im Bonsai-Format, denn länger als 15 Minuten darf jede Miniatur nicht dauern.

Diese Beschränkung birgt Chance und Risiko gleichermaßen, denn der choreografische Nachwuchs muss zwar nicht den großen dramaturgischen Atem aufbringen, ist dafür aber gezwungen, innerhalb kürzester Zeit Intensität und Profil zu entwickeln. Zumal es gar nicht leicht sein dürfte, den großen Schatten Schläpfers zu vergessen.

Am Beginn des choreografischen Speed-Datings überraschen zwei Arbeiten, die sich weit entfernt von Schläpfers Ästhetik positionieren: Alban Pinet spielt in "Odnalro" zu nostalgischer Grammphon-Musik mit Geschlechter-Identitäten. Neun Tänzerinnen und Tänzer betreten in Unterwäsche eine angedeutete Theatergarderobe und posieren mit ständig wechselnden Gewändern. Die Körpersprache ist lässig, beiläufig, der Performance näher als Schläpfers athletischem Tanz; die Melancholie erinnert an Pina Bausch. Noch konsequenter performativen Theaterformen nähert sich Wun Sze Chans "It is passing by": Ihr 16-köpfiges Ensemble trägt Business-Kleidung, eingespielte Videos zeigen Düsseldorfer Alltagsszenen im Nahverkehr, nur spärlich setzt Chan Musik ein und riskiert ansonsten den puren Tanz, der Großstadtdrängeleien stilisiert. "Lasst mich durch", schreit eine Tänzerin mehrfach, aber insgesamt dominiert in Chans Miniatur heitere Ironie.

Von soghafter Intensität dagegen ist Louisa Rachedis "Field Work" gleich im Anschluss: Zu hypnotischer Musik von Cliff Martinez entwickeln sich zwischen sieben Protagonisten in einem von Pyronebel umwölkten Lichtkegel dramatische Personenkonstellationen, deren energetisches Zentrum Yuko Kato ist. Die wohl stärkste Arbeit des Abends.

Nach der Pause folgt Boris Randzios "Mindrift" zu Musik von György Kurtag für Solo-Viola: ein sich immer stärker verschlingendes Terzett von drei Tänzerinnen, das in seiner Bewegungs- und Formensprache in defensiv schlichten Kostümen weitgehend abstrakt bleibt.

Eine klassische Arbeit - und sehr nah an Schläpfers Ideal - schließt sich an mit So-Yeon Kims "Zahir". Vor Yves Kleins monochrome Gold-Bilder nachbildenden Versatzstücken gibt es erstmals an diesem Abend sogar Spitzentanz: Ann-Kathrin Adam tanzt in seidig fließendem Gewand zu Bachs Cello-Suiten, fünf Tänzer formieren sich dazu in klassischen Konstellationen. Ziemlich edel.

Den schmissigen Abschluss schließlich liefert Michael Fosters temporeiche Arbeit "Rapture" zum Schlagzeugkonzert von Michael Torke: In Stil und Form eine deutliche Reminiszenz an "West Side Story".

Großer Jubel für einen spielerisch extrem vielseitigen Abend.

Quelle: RP
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