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Spielfilm über David Foster Wallace

"The End Of The Tour" setzt dem Autor von "Unendlicher Spaß" ein Denkmal. Von Thomas Klingenmaier

Große, beglückende Momente können aus schäbigen kleinen Anfängen entstehen. Die Begegnung zwischen dem 1965 geborenen Autor David Lipsky und dem drei Jahre älteren David Foster Wallace 1996 begann mit Grimm und Missgunst. Lipsky stieß auf eine hymnische Besprechung des Großromans "Infinite Jest", dessen deutsche Übersetzung unter dem Titel "Unendlicher Spaß" erst 2009 erschien, im Jahr nach dem Selbstmord von Wallace. Da stand zu lesen, die kommenden Literaturpreisvergaben seien nun bereits entschieden. Lipsky wähnte sich an den Rand gedrückt.

Aus dieser Verletzung entstand der Wunsch, Wallace kennenzulernen. Man könnte bissiger auch sagen: der Wunsch, Wallace zu entzaubern. Von der Verwirklichung dieses Plans erzählt James Ponsoldts Spielfilm "The End of the Tour", der furchtlos ein vermeintlich sprödes Thema angeht und nie mit fertigen Dramaturgie- und Charakterförmchen Häppchen ausstanzt.

Der im Film von Jesse Eisenberg gespielte David Lipsky ist 1996 ein publizierter Autor, aber noch ohne festen Halt in der Literaturszene. Als Jungreporter in der Probezeit beim "Rolling Stone" rückt er seinem Chef dreist auf die Pelle. Obwohl das Magazin seit einem Jahrzehnt kein Interview mehr mit einem Schriftsteller gedruckt hat, will Lipsky eine Woche mit David Foster Wallace verbringen und ihn auf dem letzten Stück einer Lesetour begleiten. Überraschenderweise bekommt er den Auftrag.

"The End of the Tour" ist ein kluger Film über das Schreiben und über Selbstbewahrungsprobleme in der Mediengesellschaft, über Ehrgeiz und Skrupel. Es ist die Studie eines die Zurückgezogenheit bevorzugenden Autors, der sich zur Finanzierung seines Schreibens der lauten Vermarktungsmaschine preisgeben muss. Jason Segel spielt Wallace mit einer Differenziertheit, Unmittelbarkeit und Wahrhaftigkeit, dass man sich vornimmt, Bildern des echten Wallace künftig auszuweichen. Die könnten den schönen Eindruck nur trüben.

Aber "The End of the Tour" ist auch die Beobachtung eines journalistischen Genres: des in die Tiefe gehenden Porträts. Lipsky und Wallace erleben Momente der Freundschaftsbildung und Menschlichkeit, aber auch die Kältestürze jäher Entfremdung. Immer wieder wird klar, dass der eine nicht des anderen Freund ist, sondern möglicherweise dessen Jäger.

Mit Bildern kleiner Buchhandlungen, in denen ein paar Leute zu Lesungen zusammenkommen, erzählt "The End of the Tour" auch von einem wunderlichen Markt, der anders funktioniert als der Stadionpop. Aus Grüppchen und Individuen setzt sich etwas zusammen, was man hinterher Erfolg, Wirksamkeit, Einfluss nennen kann. Vielleicht formuliert das eine verwegene Utopie für den Filmmarkt der Zukunft. "The End of the Tour" jedenfalls hat hierzulande keinen Kinostart bekommen, er wird als DVD ans Heimkino verwiesen.

Quelle: RP
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