| 07.38 Uhr

Erik Flügge
Sprache der Kirche ist komisch und verquast

Für den Kommunikationsberater ist Rhetorik ein Grund für fehlende kirchliche Bindung der Menschen. Von Lothar Schröder

Köln Er ist Dozent und Berater für Beteiligungsprozesse. Jetzt hat Erik Flügge - Jahrgang 1986 - auch einen Besteller geschrieben: über die Sprache der Kirche, die für ihn ein "Jargon der Betroffenheit" (Kösel, 160 Seiten, 16,99 Euro) ist.

Welche Redewendung führt denn Ihre persönliche Liste der schlimmsten Wortverdrehungen an, die Sie je von einem Priester gehört haben?

Flügge Das Beste stammt meines Erachtens von Papst Benedikt XVI., vormals Kardinal Ratzinger. Er beschrieb den Fußball als ,das Heraustreten aus dem versklavenden Ernst des Alltags und seiner Lebensbesorgung in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss und gerade darum schön ist', ,als ein Tun, das ganz frei ist, ohne Zweck und ohne Nötigung, und das dabei doch alle Kräfte des Menschen anspannt und ausfüllt'. Das ist für mich unübertroffen.

Darin kommt ja auch eine Stilkritik von Ihnen zur Geltung: nämlich das völlige Fehlen von Verben.

Flügge Diese Durch-Substantivierung beispielsweise in der Definition vom Fußball hat etwas von dem externen Beschreiben einer Bewegung, an der man selber gar nicht teilhat. Man kann lediglich beschreiben, was beim Fußball so passiert. Und dass die Leute dabei auch Spaß haben, wird dann zu einem ,Heraustreten aus dem versklavenden Ernst des Alltags'. Wer von draußen zuschaut, nimmt nicht teil. Genau das sagt schon viel über die Kirche aus. Die Seelsorger beschreiben die Welt bloß, machen im Grunde aber nicht mit.

Aber es gibt doch auch Predigerseminare. Läuft da etwas schief?

Flügge Na ja, es gibt natürlich vereinzelte Rhetorikkurse. Aber die stehen dann in Konfrontation mit der verquasten Sprache eines mindestens sechs Jahre dauernden Theologie-Studiums. Das heißt, die Zeit fürs Theoretische ist viel größer. Dennoch wird den Priesteranwärtern gesagt, nicht in diesen Kirchen-Sprech zu verfallen. Und dann kommen sie in eine Gemeinde, und alle dort sprechen diese komische Kirchensprache. Das ist dann wie ein Virus, der sich von Generation zu Generation automatisch fortsetzt.

,Verreckt' die Kirche möglicherweise auch an ihrer Sprache, wie Sie es im Titel Ihres Buches so zünftig nennen?

Flügge Man muss doch sehen, dass es nicht nur viele Kirchenaustritte gibt; sondern dass auch immer weniger Menschen einen Gottesdienst besuchen. Nur noch jeder zehnte Katholik geht zur Messe. Dann muss man sich doch fragen, was da nicht funktioniert. Ein Grund dafür ist auch, dass die Seelsorger oft wie von einem anderen Stern sprechen. Das trägt auf jeden Fall dazu bei, dass kirchliche Bindungen immer schwächer werden. Und das Wort ,Verrecken' zwingt einen dazu, sich zu positionieren. Es schwappt jedenfalls nicht belanglos an einem vorbei, wie das zu oft Predigten eben tun und dann beim Zuhörer keine Spuren hinterlassen.

Sind Floskeln manchmal auch ein Trick, nicht konkret werden zu müssen?

Flügge Viele Seelsorger sagen mir, dass sie schlicht und einfach den Aufwand für eine Predigt scheuen, wenn sie Sonntag für Sonntag ohnehin immer nur die gleichen 30 Leute vor sich haben. Das Fatale dabei ist: Die Abstimmung mit den Füßen ist eine schleichende. Es gehen nicht sofort alle, es bleibt aber immer mal wieder einer weg.

Darf man von der Kanzel denn alles sagen?

Flügge Ja, selbstverständlich. Vielleicht sollte man so reden wie beim Biertrinken. Damit meine ich eine alltägliche Sprache, kein Grölen. Eine Predigt ist jedenfalls vertan, wenn sie belanglos bleibt.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Erik Flügge: Sprache der Kirche ist komisch und verquast


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.