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Düsseldorf
Sting macht endlich wieder Rock

Düsseldorf. Er kann es noch: "57th & 9th" heißt die neue Platte des 65-Jährigen. Von Philipp Holstein

Es gibt zwei Gründe, warum man sich auf neue Alben alter Helden freut. Erstens, weil es immer schön ist, jemandem wiederzubegegnen, den man ins Herz geschlossen hat. Und zweitens, weil man ganz tief in diesem Fan-Herzen darauf hofft, dass die nächste Platte eine ganz große wird. Eine, die vielleicht sogar zu den besten des jeweiligen Künstlers gehört - wer weiß. Letzteres ist soeben bei Leonard Cohen wahr geworden, dessen aktuelles Werk "Make It Darker" eines der hervorragendsten im Katalog des 82-Jährigen ist.

Nun also Sting. "57th & 9th" heißt die neue Produktion des 65 Jahre alten Briten. Es ist sein erstes Rockalbum seit 13 Jahren. Sting hielt sich zuletzt ja vor allem mit elisabethanischen Abwegigkeiten, Musical und Lauten-Klang auf. "Rock ist tot" hatte er vollmundig behauptet, und deshalb ist man doppelt gespannt, wie er das denn nun wohl macht.

Das erste Lied ist tatsächlich ein sehr tolles Stück, es heißt "I Can't Stop Thinking About You", und nach wenigen Takten denkt man: The Police! Das könnte ein Song aus den frühen 80er Jahren sein, und die Zeile "I don't care if you exist" erinnert an "Every Breath You Take". Allerdings wird Sting natürlich nicht von Summers/Copeland begleitet, sondern von Dominic Miller an der Gitarre und Vinnie Colaiuta am Schlagzeug.

Auch "Petrol Head" ist ein Brett, da erzählt Sting aus der Sicht eines Truckers, politisch unkorrekt, ziemlich lustig und mit viel Druck in der Stimme. Ihm steht das Raue noch immer gut, überhaupt muss man sagen, dass diese Stimme verblüffend gereift ist: Sie klingt besser denn je.

"50.000" ist ebenfalls sehr erfreulich, und "Down Down Down" geht als Lehrstunde in melodischer Finesse durch. Nicht alles hat indes diese Frische. Gegen Ende erliegt Sting dann doch noch seinem Faible für esoterischen Gefühlskitsch. Es kommt zu Balladen, die er barfuß, im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen eingespielt haben dürfte. Eine von ihnen - sie heißt "Inshallah" - hat er sogar mit Ethno-Romantik durchwirkt. Man kennt das aus Stings "Brand New Day"-Zeit Ende der 90er.

So bleibt neben der voll befriedigten Wiederhörens-Vorfreude eine Platte, die in Ordnung geht. Sting hat sie übrigens nach der Kreuzung in New York benannt, an der er auf dem Weg von seiner Wohnung zum Studio wegen des starken Verkehrs morgens immer warten musste. Und in einem Interview erzählte er neulich, dass er sich selbst gezwungen habe, bei Eis und Schnee schreibend auf der Terrasse auszuharren, bis ein Song fertig war. So wollte er Dringlichkeit herstellen. Dieser Sting!

Zum Schluss ein Tipp: Man sollte sich unbedingt noch einmal Stings Live-Album "Bring On The Night" (1986) anhören. Branford Marsalis spielt Saxofon, sie machen Jazz, sie jammen, sie haben den Groove, und es ist heiß, funky und total toll.

Quelle: RP
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