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Wittenberg
Streit um "Juden-Sau" an Luther-Kirche

Wittenberg. Soll ein mittelalterliches antisemitisches Relief in Wittenberg entfernt werden? Von Lothar Schröder

Das Kirchenmotiv - so beschämend und fatal es ist - hat keinen Seltenheitswert: Rund 30 Darstellungen der sogenannten Judensau sind in Europa bekannt, also obszöne Abbildungen von Juden, die einem Schwein unter den Schwanz schauen oder an den Zitzen einer Sau trinken. Eins dieser Reliefs hängt in Wittenberg, an Luthers Predigtkirche - seit 1305.

Dieses Schmähbild ist ein Dokument des mittelalterliches Antisemitismus. Es zeugt von einem Judenhass, der früh seinen Anfang nahm und schließlich in den nationalsozialistischen Massenmord an Juden fürchterlich und unfassbar mündete. Über dieses Bild ist auch in Wittenberg oft gesprochen worden. Ein Ergebnis ist ein Mahnmal, dass seit 1988 unterhalb der Schandtafel steht. Dass die Debatte um das Bild jetzt erneut entflammt, liegt an Richard Harvey, einem Theologen jüdischer Herkunft aus London. Per Internet-Petition sucht er Mitstreiter im Streit über die Relief-Entfernung. Die Meinungen sind noch geteilt; für Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist eine Demontage durchaus vorstellbar. Andere verweisen auf die Historizität, den Wert eines solchen Zeitzeugnisses. Die Schmähung ist dann ein früher Beleg für den Ungeist und die Vorurteile, die weitergegeben und wirkmächtig werden konnten.

Natürlich wird die Diskussion auch vor dem Hintergrund des bevorstehenden Luther-Jahres geführt: 2017 jährt sich der Thesenanschlag des Reformators zum 500. Mal. Wobei Martin Luther (1483-1546) keineswegs ein Kritiker der ihm bekannten "Juden-Sau"-Darstellung gewesen sein dürfte. Luthers zum Teil aggressive Judenfeindlichkeit gehört zu den herausfordernden Themen des Gedenkjahres. "Grauenhaft", nennt Willi Winkler, Publizist und Autor einer großen Luther-Biografie, den Antisemitismus des Reformators. So konnte "der Nazi-Hetzer Julius Streicher beim Nürnberger Prozess sagen, Martin Luther gehöre mit auf die Anklagebank. Der Judenhass gehört leider ebenso zu Luther wie sein unerschütterlicher Widerstandsgeist", so Winkler im RP-Gespräch. Wird das Relief somit nicht sinnfällig im Kontext von Luthers Predigtkirche? So anschaulich diese Verbindungslinien auch sein mögen, muss dies bedacht werden: Der öffentliche Raum ist stets ungeschützt. Das, was dort gezeigt wird, unterliegt der Deutung jedes Passanten. Die Gefahr, dass dieses Relief selbst mit entsprechender Hinweistafel nicht allein der Aufklärung dient, sondern der verblendeten Aneignung, ist zu groß. Auch eine Leerstelle an der Kirchenfassade kann ein wichtiges Zeugnis werden.

Quelle: RP
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