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Wuppertal
Tanztheater über Autismus

Wuppertal. Jean Laurent Sasportes, einst bei Pina Bausch, zeigt das Stück "Das Schloss". Von Marion Meyer

Eine Tänzerin läuft zu dem Cellospieler am Rand der Bühne. Sanft legt sie ihre Hand auf das Instrument, fühlt die Schwingungen der Musik. Eine andere formt aus Daumen und Zeigefinger einen Schlitz, durch den sie die Welt betrachtet, sie verkleinert, begreifbar macht. Mit Autismus und seinen Ausdrucksformen setzt sich das Tanztheaterstück "Mein Schloss" auseinander. Jean Laurent Sasportes, ehemaliger Protagonist des Tanztheaters von Pina Bausch, hat das Stück mit vier Tänzern und vier Musikern entwickelt. Er schöpft dabei aus seinen Erfahrungen, die er bei seiner Arbeit mit Autisten macht.

Meist einmal die Woche besucht Sasportes die Autisten der stationären Einrichtung des Vereins Autismus Wuppertal - Düsseldorf - Bergisches Land und animiert sie, sich zur Musik zu bewegen. "Es ist schön zu sehen, wie sie sich öffnen, etwas zulassen, Freude an der Bewegung entwickeln", sagt der ehemalige Solo-Tänzer.

In seinem Tanztheaterstück will Sasportes einladen zu einer Begegnung "mit einer Welt, die hinter den Mauern des Andersseins verborgen ist". Deshalb auch der Titel: "Mein Schloss".

Mit ehemaligen Kollegen vom Tanztheater Wuppertal sowie mit japanischen Musikern und Tänzern hat Sasportes das Stück zum 40-jährigen Bestehen des Vereins Autismus erarbeitet. Wie seine langjährige Mentorin Pina Bausch hat er Beobachtungen, Erlebnisse und Gedanken mit seinem Ensemble gemeinsam entwickelt und collagenhaft zusammengesetzt. Behutsam nähert er sich dem Thema Autismus und lässt auch Humor zu, etwa bei dem krampfhaften Versuch eines Smalltalks. Die Betroffenen aus den Einrichtungen steuerten Gesten und Blicke bei, die als Projektionen zu sehen sein werden. Selbst auf der Bühne stehen sie aber nicht. Sasportes: "Den Mitspielern sollte bewusst sein, dass sie auf der Bühne stehen. Das ist bei Autisten eher nicht so."

Das Stück will den Blick schärfen und Verständnis erzeugen für das Anderssein. Es erweitert sein Thema aber auch auf ein gesellschaftliches Phänomen: auf die zunehmende Vereinzelung des Menschen in einer medial geprägten Welt. Denn ähnelt die Verhaltensweise von Menschen, die in Gruppen auf ihr Smartphone starren, statt direkt miteinander zu kommunizieren, nicht auch dem von Autisten? Sasportes will Fragen stellen und regt zum Nachdenken an über eine Welt, in der nicht nur Behinderte unter einer dauernden Reizüberflutung leiden.

Info Aufführungen: 5. Mai (ausverkauft) und 6. Mai, 20 Uhr, Haus der Jugend, Geschwister-Scholl-Platz 4-6, 42275 Wuppertal-Barmen. Tickets: unter der Rufnummer 0202 563-6444.

Quelle: RP
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