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Wittenberg
Thesenanschlag ist nur ein Mythos

Wittenberg: Thesenanschlag ist nur ein Mythos
Relief mit der Darstellung Martin Luthers als Bibelübersetzer auf der Wartburg. FOTO: dpa, hsc dna dna
Wittenberg. In seiner großen Luther-Biografie beschreibt Willi Winkler den Reformator als einen Rebellen wider Willen. Von Lothar Schröder

Die vermutlich berühmteste Türe der Deutschen existiert nicht mehr – genauer: schon seit 1760 nicht, als die alte Holzpforte der Wittenberger Schlosskirche ein Opfer der Flammen wurde.

Mit hallenden Hammerschlägen soll der Reformator Martin Luther (1483-1546) darauf 1517 seine 95 Thesen geschlagen und die katholische Welt ins Wanken gebracht haben. Das sei der Moment gewesen, in dem die mittelalterliche Welt explodierte und etwas Neues, noch Unbestimmtes anbrach. So schreibt es Willi Winkler in seiner 640 Seiten umfassenden Luther-Biografie, die jetzt zum Reformationsjubiläum erschienen ist.

Nachträgliche Heroisierung des Reformators

So schön und so pathetisch sich das gehämmerte Bekenntnis vor fast 500 Jahren auch liest, den Vorgang hat es nie gegeben. Eine nachträgliche Heroisierung des Reformators sei diese theologische Handgreiflichkeit, sagt uns Winkler, ein Mythos, an dem das protestantische Selbstbewusstsein wachsen sollte. "Der Hammer ist in jedem Fall eine spätere Erfindung. Noch 1617, bei der ersten Hundertjahrfeier der Reformation, ist es eine schlichte Feder, mit der Luther an die Tür der Schlosskirche schreibt. Umso besser passen die wuchtigen Hammerschläge zum martialischen 19. Jahrhundert, aus dem auch die Tür stammt, die den Pilgern heute zur Glaubensstärkung vorgeführt wird."

Martin Luther schlug auch deshalb seine Thesen nicht ans Tor, weil er an einer breiten öffentlichen Kritik an der damals noch ausschließlich katholischen Kirche wenig interessiert war. Denn der Theologie-Professor Luther hatte anfänglich vor allem dies im Sinn: eine gelehrte Diskussion über seine Thesen, eine Auseinandersetzung unter Akademikern.

"Ob er sich in seinem Denken je aus dem Mittelalter entfernt hat, darf man bezweifeln", so Winkler im Gespräch mit unserer Redaktion. "Von der weiteren Entwicklung aber, von dem, was er angerichtet hatte, wurde er überrollt. Luther hat aber sehr schnell begriffen, wie sich die allgemeine Empörung im Kampf gegen Rom und für den Glauben nutzen ließ. Insofern war er seiner Zeit weit voraus."

Ein vom Glauben erleuchteter Prediger

So gesehen ist Luther zunächst ein deutscher Rebell wider Willen gewesen, ein Mann, der erst in seine Rolle finden musste. Luther wusste zu Anfang nicht, wie ihm geschah, sagt sein Biograf. "Aber er merkte sehr schnell, was er angerichtet hatte, und verstand es, die einmalige Chance, die ihm die Weltgeschichte bot, sofort zu nutzen." Luther fand schließlich eine Rolle, die wahrscheinlich nur er ausfüllen konnte: die eines vom Glauben erleuchteten Predigers, der allein seinem Gewissen verpflichtet sein wollte.

Und das war empfindlich gestört worden durch den sogenannten Ablass der katholischen Kirche, mit dem sich die Gläubigen von ihren Sünden freikaufen konnten und den die Kirche unter anderem zum Bau eines großen Gotteshauses dringend nötig hatte - der Peterskirche zu Rom. Peterspfennig nannte man darum auch diese Kirchenabgabe, die Luther hinreichend Grund zum Ärgern gab.

Dass der Petersdom aber letztlich Ursache der Reformation gewesen ist, dürfte nach Winklers Meinung nicht zutreffen. Zwar gehört der "Peterspfennig" unbedingt zur Luther-Geschichte dazu, aber es hätte durchaus ein anderer Anlass sein können. Denn seit die Kirche die Erlösung beziffern wollte, also Gnade nur gegen Geld versprach, hatte sie für die Gläubigen jedes moralische Recht verloren. "Die Empörung über diese schamlose Kommerzialisierung des Glaubens war so weit verbreitet, dass es früher oder später zu einer Kirchenspaltung gekommen wäre, wenn auch nicht so schnell und so gründlich."

Welche drei Thesen würde der Reformator per Twitter in die Welt versenden?

Indirekt hat Luther damit auch die katholische Kirche reformiert. Denn natürlich musste Rom auf die neue religiöse Bewegung reagieren; sie tat es dann auch, wenn auch viel zu spät. Die Kirchenspaltung freilich war nicht mehr aufzuhalten, doch sorgte "die Gegenreformation in der katholischen Kirche für genau den Modernisierungsschub, der sie – mit dem Rebellen Luther als Gottseibeiuns – bis heute am Leben erhält".

Zum 500. Mal wird sich der vermeintliche Thesenanschlag Luthers demnächst jähren. Große und zahlreiche Feierlichkeiten wird es geben, auf denen die meisten Fragen zu Luther gelehrt beantwortet werden dürften – bis auf jene, die viele Gläubigen heute vielleicht umtreibt: Welche drei Thesen würde der Reformator vielleicht per Twitter in die Welt versenden? Willi Winkler tippt auf folgende Donnerworte:

Erstens: Die Kleinmütigen will ich ausspeien aus meinem Munde.

Zweitens: Den fröhlichen Sünder liebt der Herr, aber wehe, Ihr rennt mir damit zur Konkurrenz!

Drittens: Pfarrer Gauck, Pfarrerstochter Merkel, der Papst eben noch ein Bayer: Deutschland ist ein Gottesstaat – wie hab ich das hingekriegt?!

Quelle: RP
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