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Budapest
Tod eines Schicksallosen

Budapest. Gestern starb 86-jährig der ungarische Literaturnobelpreisträger und KZ-Überlebende Imre Kertész. Von Lothar Schröder

Imre Kertész ist gestern in Budapest ein zweites Mal gestorben. Sein erster Tod wurde bereits am 18. Februar 1945 dokumentiert; auf einer Tagesmeldung des Konzentrationslagers von Buchenwald unter der Rubrik "Abgänge". Damit war irrtümlich der jüdische Häftling 64.921 namens Imre Kertész gemeint. Doch noch zwei andere Angaben stimmten auf der Karteikarte nicht: sein Jahrgang 1927 sowie seine Qualifikation als Fabrikarbeiter. Dafür hatte Kertész selbst gesorgt. Denn als 16-jähriger Schüler, der er damals gewesen ist, schien er wenig brauchbar und somit ein Todeskandidat zu sein.

Gestern nun ist Kertész dann erneut gestorben, diesmal ohne Not einer rettenden Lüge: nach einem 86-jährigen Leben, müde auch von der Mühsal seines Kampfes gegen seine Parkinson-Erkrankung - und natürlich nach seinen großen Romanen, die von nichts anderem erzählten als vom Holocaust und dem Überlebenskampf in den Konzentrationslagern der Nazis.

Seit seinem "Roman eines Schicksallosen" - 1996 ins Deutsche übersetzt -, spätestens aber mit dem Literaturnobelpreis 2002 avancierte er zum gefeierten KZ-Überlebenden. Dass er sich selbst dann bisweilen wie ein "Holocaust-Clown" vorkam, wie in seinen Tagebüchern zu lesen ist, mag zwar nachvollziehbar sein. Doch ganz so bitter dürfte er dieses Etikett nicht empfunden und gemeint haben.

Denn ohne den beschämenden humoresken Zusatz ist es ja durchaus zutreffend, dass Kertész ein sogenannter Autor des Holocausts ist. "Welcher Schriftsteller ist das heute nicht?", fragte er selbst zur Nobelpreis-Verleihung ins Rund der Stockholmer Festgäste. Und: "Ich verstehe das so, dass der Holocaust nicht direkt zum Thema gewählt sein muss, damit man auf den gebrochenen Ton aufmerksam wird, der die moderne Kunst Europas seit Jahrzehnten beherrscht."

Viel radikaler ist selten über die Folgen der Shoa nachgedacht worden: die Judenvernichtung als Endstation einer zweitausendjährigen europäischen und moralischen Kultur. Und dann wird es bei ihm noch etwas bodenloser, wenn er - den Tod Gottes voraussetzend - es für zweifellos erklärt, dass wir uns nach Auschwitz selbst überlassen sind. Das ist sein kaltkühner Blick auf die selbst erfahrene und erlittene Geschichte gewesen, wie er sie bei Albert Camus, stärker noch beim großen Sinnvernichter Emil Michel Cioran lernte.

So kühl sind seine Romane indes nie gewesen - mit der Trilogie "Roman eines Schicksallosen", "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" und "Fiasko" im Zentrum. Im "Roman eines Schicksallosen" irritiert vielmehr die nüchterne Beschreibung vom 14-jährigen ungarischen Juden, der in der Straßenbahn verhaftet und eingesperrt wird, der in den Viehwaggon nach Auschwitz kommt und dort das Überleben lernt. Das Buch überwältigt mit der Naivität seines Erzählers. Mit seinen Augen können wir nicht nur einen Blick aufs Lagerleben werfen, wir scheinen selbst im Waggon der Verdurstenden mitzufahren und auf der Rampe zu versuchen, bloß in die richtige Gruppe zu kommen. Und dann erlebt der Junge inmitten der wahnsinnig gewordenen Welt auch noch Momente des kleinen Glücks, das wir allzu gerne erbärmlich nennen, weil uns sonst alle Worte für diese reale Absurdität fehlen.

Imre Kertész hat uns auch gelehrt, wie unerträglich es ist, Ohnmacht aushalten zu müssen. Und wie man den Augenblick der Stille beschreibt, bevor das Erschießungskommando neu lädt.

Noch aber hat Kertész, den Hans Magnus Enzensberger einen Unerbittlichkeitskünstler nannte, ein Leben vor sich. Das ist das seiner Bücher. Und erst wenn diese vergessen sind, wird er ein drittes Mal gestorben sein. Das aber dürfte zunächst einmal nicht zu befürchten sein: Denn im Herbst soll in deutscher Übersetzung der Abschlussband seiner Tagebücher mit Aufzeichnungen von 1991 bis 2001 erscheinen.

Quelle: RP
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