| 07.16 Uhr

Überall lauert Schuld

Jutta Maria Herrmanns neuer Psychothriller "Schuld bist du". Von Georg Winters

Ein Unfall. Beteiligt: ein Pkw und ein Omnibus. Sieben tote Kinder im Bus, dessen Fahrer stirbt ebenfalls. Der Todesfahrer im Auto wird für die leidende Mutter eines der gestorbenen Mädchen zum Lebensinhalt. Rache ist das Einzige, was ihrer Existenz noch einen Sinn zu verleihen scheint.

So was schon mal gelesen? Vielleicht im Fernsehen gesehen? Als Hörbuch im Schrank oder auf dem Tablet? Dann könnten Sie auf die Idee kommen, Jutta Maria Herrmanns Thriller "Schuld bist du" mit dem Etikett "Psychogramm einer Verzweiflungstäterin" zu versehen und gar nicht erst zu lesen. Aber: Es geht nicht nur um die eine, die vom Opfer zur Täterin werden will. Es geht um Schuld an vielen Stellen, die sich in den hintersten Winkeln der Psyche einbrennt, die man zu verarbeiten lernen oder an der man zugrunde gehen kann; um geschundene Menschen, die Opfer und Täter zugleich sind, vereint im Leid, doch ganz verschieden darin, dies zu ertragen.

Der Plan für den Rachefeldzug der Mutter ist lange ein Zweit-Plot, erzählt in einem Krankenzimmer, am Bett eines Schwerverletzten. Vordergründig spannender ist die Parallelhandlung, weil wir auf der Suche nach einem Zusammenhang zwischen beiden Geschichten Teil einer nervenaufreibenden Jagd durch das nächtliche Berlin werden. Der Journalist Jakob Auerbach, dessen Frau und Kind verschwinden, in dessen Leben rätselhafte Botschaften, grausam zugerichtete Kinderleichen und die Traumfrau von einst auftauchen, jagt auf der Suche nach seinen Lieben durch die Hauptstadt und fühlt sich immer mehr selbst als Gejagter. "Erlöse ihn aus diesem Alptraum", möchte man der Autorin zurufen, aber am Ende wünschte man Auerbach, der Alp hätte ewig fortbestanden. Die Wirklichkeit ist nämlich grausamer, unerträglicher, und sie mündet in ein tödliches Finale. Auerbachs Erwachen hätte man sich weniger abstrus gewünscht, aber je länger man darüber nachdenkt, ist es die einzig logische Konsequenz aus dem, was vorher war.

Vermutlich muss man einen Hang zu Psychokrimis haben, um Bücher wie "Schuld bist du" zu mögen. Dann aber findet man sich hier in einer raffiniert konstruierten Geschichte wieder, rätselt über Figuren und Verbindungen, entwickelt Theorien, verwirft sie und klopft sich am Ende auf die Schulter, wenn man die richtige Nase hatte. Will man mehr von einem Psychothriller?

Quelle: RP
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