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Überlebenskampf auf See

Michaela Maria Müller erzählt vom Schicksal zweier Asylbewerber aus Somalia. Von Welf Grombacher

Der "Hamburger Piratenprozess" kostete den deutschen Steuerzahler geschätzte zehn Millionen Euro. Im April 2010 entführten zehn Männer aus Somalia das deutsche Containerschiff "MV Taipan". Einsatzkräfte stürmten den Frachter. Weil er einer Reederei aus Hamburg gehörte, wurden die Entführer ausgeliefert. Zwei Jahre dauerte das Gerichtsverfahren. Von dem Geld, das es kostete, könnten in Somalia dreißigtausend Menschen ein Jahr lang leben.

Michaela Maria Müller hat sich als Journalistin lange schon mit dem Thema Migration beschäftigt. Eine Recherche führte sie 2013 auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa. Zurückgekehrt schrieb sie "Auf See". Eine Mischung aus Reportage und Fiktion, in der sie die Geschichte des Paares Ayan und Samir aus Somalia erzählt: Samir ist Fischer, verdient sein Geld aber mit Botengängen, da es nicht mehr genügend Fische gibt. Eines Tages verschleppen ihn Piraten und zwingen ihn, beim Kapern eines Frachters das Boot zu steuern. Die Entführung schlägt fehl. Soldaten stürmen das Schiff und nehmen Samir gefangen. Weil sie ihn für einen Piraten halten, liefern sie ihn aus nach Deutschland.

Während Samir in Untersuchungshaft sitzt, muss seine Frau Ayan mit ihrem Baby vor dem Bürgerkrieg in Mogadischu fliehen. Sie lebt mit 100.000 anderen Somaliern in einem Flüchtlingslager im kenianischen Dadaab. Doch sie will ihr Kind nicht im Lager aufwachsen sehen und macht sich deswegen auf einem Schlepperboot auf nach Europa. Eine lebensgefährliche Überfahrt auf einem völlig überfüllten Schiff steht ihr bevor. Als der Motor kaputtgeht, flieht der Schlepper und lässt die Flüchtlinge allein auf hoher See zurück.

Für ihr Buch hat die 1974 in Dachau geborene und in Berlin lebende Michaela Maria Müller viel über Somalia gelesen, das seit Ausbruch des Bürgerkriegs 1989 als gefährlichstes Land der Welt gilt. Entstanden ist so ein Buch, das viele Fragen aufwirft und zu denken gibt. Immer wieder unterbrechen Einschübe mit Hintergrundinformationen die Handlung. Da wird erörtert, welche Rolle die bundesdeutschen Waffenlieferungen im Somalia-Konflikt spielen oder warum die Amerikaner während der Präsidentschaft Bill Clintons ihre Truppen aus dem Bürgerkriegsland abgezogen haben.

Obwohl die Figuren genügsam gezeichnet sind, gelingt es Michaela Maria Müller, hinter den Flüchtlingen die menschlichen Schicksale hervortreten zu lassen. Und natürlich will sie ihre Leser mobilisieren, auch, wenn sie das nie offensichtlich macht. Gerade so als wolle sie sagen: Schaut nicht weg - handelt endlich und helft!

Quelle: RP
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