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Ahmedabad
Umstrittene Heilige

Ahmedabad. Sie war eine radikale Barmherzige. Für ihren Einsatz für die Armen wird Mutter Teresa am Sonntag heilig gesprochen. Doch es gibt auch Kritik an ihrem Wirken in der Welt. Von Dorothee Krings

Die beiden Nonnen in der Tracht der Mutter Teresa fanden die Frau an den Gleisen in der indischen Millionenstadt Ahmedabad. Abgemagert, schmerzgekrümmt, besudelt lag sie da. Der Geruch der Sterbenden war kaum erträglich und ihr leises Wimmern fraß sich den Lebenden ins Gedächtnis - letzte Klagelaute eines Menschen, der von aller Welt verlassen ist. Die Nonnen brachten sie auf die Terrasse ihres Hauses am Rande der Slums, schälten sie aus ihren Lumpen, wuschen sie, legten sie auf eine saubere Pritsche. Dort starb sie noch in der Nacht - als eine der unzähligen Armen dieser Welt, deren Namen niemand kennt. Deren Leben nichts zählt.

Nächstenliebe - in der brutalen Realität von Armenvierteln ist das eine bittere Aufgabe, die tiefe Menschenliebe verlangt. Mutter Teresa hat sie angenommen, hat die Nachfolge Jesu praktiziert, hat als junge Missionsschwester, erschüttert vom Elend auf den Straßen im indischen Kalkutta angefangen zu helfen. Bei den Obdachlosen, Lepra-Kranken, Sterbenden hat sie gearbeitet, bei denen, die verlassen sind. Wie viel Menschlichkeit, Glaubensstärke, auch Überwindung von Angst und Ekel das verlangt, kann man auch heute erleben, wenn man Menschen ihres Ordens bei der Arbeit begleitet, die beiden Nonnen etwa in Ahmedabad. Für Mutter Teresa war Barmherzigkeit kein abstraktes Ziel, sondern das unmissverständliche Gebot für Christen, konkret zu helfen. Das hat sie zu einer Radikalen gemacht - und zu einer Heiligen.

Am Sonntag wird Papst Franziskus das in Rom verkünden. Mit der feierlichen Kanonisierung erhebt er die "Heilige der Gossen" zur Fürsprecherin der Gläubigen, erklärt sie zum verehrungswürdigen Vorbild aller Katholiken. Im "Heiligen Jahr der Barmherzigkeit" erfährt so eine Frau höchste kirchliche Anerkennung, die sich durch praktizierte Barmherzigkeit hervortat und viele andere inspirierte, sich für Menschen am Rande der Gesellschaft einzusetzen. Egal in welchem Land.

So wurde Mutter Teresa im 20. Jahrhundert zur Ikone des sozialen Engagements, zum lebenden Beweis, dass ein Mensch die Gegenwart verändern kann, selbst, wenn er sich an eine so aussichtslose Aufgabe macht, wie die Armut in der Welt zu bekämpfen.

1910 als Agnes Gonxha Bojaxhiu im heutigen Skopje geboren trat Mutter Teresa mit 18 Jahren in den Missionsorden der Loretoschwestern ein und wurde bald nach Indien entsandt. Zunächst arbeitete sie als Lehrerin, doch 1946, bei einer Fahrt durch Kalkutta, verstand sie plötzlich, dass sie zu den Armen gehen, bei ihnen leben und arbeiten müsse, um Jesus wirklich nachzufolgen. Zunächst tat sie das allein, bald schlossen sich ihr ehemalige Schülerinnen an, 1950 gründete sie die Gemeinschaft der "Missionarinnen der Nächstenliebe". Inzwischen gehören dem Orden mehr als 4500 Schwestern und 500 Brüder in 145 Ländern an.

Bis heute steht Mutter Teresa für Bescheidenheit, Selbstlosigkeit und überzeugend gelebten Glauben. Doch die zähe, kleine Frau mit dem einfachen Sari und dem demütigen Auftreten war immer auch eine Medienfigur. Mutter Teresa ließ sich mit den Mächtigen der Welt ablichten, wenn die ihrer Sache halfen. Nicht nur mit der schüchtern lächelnden Lady Di, sondern auch mit fragwürdigen Geschäftsleuten und Politikern. Dazu vertrat sie zeitlebens strikt katholische Werte, prangerte etwa immer wieder mit drastischen Worten Abtreibung an. Ihr Maßstab war nie der Zeitgeist, sondern "Treue im Glauben". Obwohl sie selbst mit tiefen Zweifeln gerungen hat, wie nach ihrem Tod veröffentlichte persönliche Schriften bezeugen. In sich selbst fühlte sie über Jahrzehnte "nichts als Leere und Dunkelheit", an ihrer Aufgabe aber hielt sie fest. "Am Werk ist kein Zweifel - weil ich davon überzeugt bin, dass es Sein und nicht mein ist", notierte sie.

Ihre Popularität aber rief Polemiker auf den Plan. Kritiker wie der Brite Christopher Hitchens warfen ihr vor, einen "Todes- und Leidenskult" gepredigt zu haben. In den einfachen Pflegehäusern, die ihr Orden in der ganzen Welt errichtet hat, werde nicht auf angemessenem medizinischen Standard gearbeitet, Spendengelder intransparent eingesetzt, Sterbende missioniert.

Es gab Reibungen zwischen Mutter Teresas Haltung und der modernen Welt. Das hat wohl auch damit zu tun, dass man in ihr vor allem die weltliche Armutsbekämpferin sehen wollte, die geniale Sozialarbeiterin, die 1979 den Friedensnobelpreis bekam. Doch sie war auch eine Mystikerin, die sich die Sperrigkeit erlaubte, im Leiden einen Sinn zu suchen und in Einfachheit an sich einen Wert zu sehen. Und obwohl die Welt in ihr schon zu Lebzeiten eine unfehlbare Heilige verehren wollte, war sie auch ein Mensch, der einem schnell wachsenden Orden vorstand und eigene Interessen verfolgte.

Besucht man heute das Mutterhaus ihres Ordens in Kalkutta, kann man erleben, wie ihre Botschaft in die Welt wirkt: Menschen diverser Nationen stehen Schlange, um den weißen Sarkophag mit ihrem Leichnam zu besuchen, der schlicht in einem Zimmer steht. Freiwillige können auch ohne lange Einweisung in einem der Altenheime ihres Ordens mitarbeiten.

Dort geht es in der Tat einfach zu: Die Bewohner sind in Schlafsälen untergebracht, simples Essen, keine Privatsphäre, westliche Besucher kann das irritieren.

Doch wer wirklich begreifen will, was Mutter Teresa hinterlassen hat, sollte lieber abseits des Mutter-Teresa-Tourismus eines ihrer Häuser besuchen und erleben, wie die Schwestern sich dort morgens um fünf zum Gebet versammeln, daraus die Kraft schöpfen für den Dienst an jenen Nächsten, um die sich sonst keiner kümmern will.

Mutter Teresa hat sich der Sinnlosigkeit der Welt ausgesetzt, hat ihr Leben mit den Ohnmächtigen geteilt. Das hat sie selbst an ihre Grenzen geführt. Sie hat Fehler gemacht, gezweifelt, gerungen, durchgehalten. Und wurde so zu einer wahrhaftigen Heiligen unserer Zeit.

Quelle: RP
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