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Berlin
Und täglich grüßt die Schreibarbeit

Berlin. Tilman Rammstedt hat mit einem neuen Roman begonnen. Wer will, bekommt im Abo den täglichen Fortgang der Geschichte zugemailt. Von Lothar Schröder

Tilman Rammstedt muss sich neuerdings komische Fragen anhören. Ob er genug im Kühlschrank habe, zum Beispiel. Damit er nicht vor die Türe zum Einkaufen gehen muss. Schließlich will Tilman Rammstedt ja einen Roman fabrizieren, was für einen Autor eigentlich nicht ungewöhnlich ist. Diesmal aber schon: Rammstedt schreibt an seinem Roman quasi weltöffentlich im Internet, Tag für Tag ein paar Seiten mehr oder weniger. Je nachdem, was der 40-jährige halt so hinbekommt. Und wer acht Euro für den Hanser-Verlag erübrigen kann, bekommt allmorgendlich die frische Textlieferung. Man kann sich die Romanfortsetzung zudem vom Autor bequem vorlesen lassen, denn auch ein tägliches Video gehört zum neuen Rammstedt-Abo. Es endet Anfang April; dann soll und muss das Werk nämlich fertig sein. Bis dahin bleibt der aktuelle Romantitel der unerbittliche Arbeitsauftrag: "Morgen mehr".

Wer das für spektakulär neu hält, wird in der Literaturgeschichte belehrt, dass solche Schreibprojekte seit dem 19. Jahrhundert gepflegt worden - mit sogenannten Feuilletonromanen. Die Rammstedts dieser Zeit hießen unter etlichen anderen Charles Dickens und Conan Doyle und Oscar Wilde. Alles große Namen und auch große Bücher, weshalb der aus Bielefeld stammende und in Berlin lebende Bachmann-Preisträger kokettierend erst einmal kleine Brötchen backt: Die Wahrscheinlichkeit, nicht zu scheitern, sei lächerlich klein, behauptet Rammstedt und meint damit in etwas deutlicheren Worten: Die Chance zu versagen, ist doch sehr groß.

Die Frage bleibt, warum man nach solch düsterer Prognose überhaupt Lebenszeit mit diesem Werk verbringen soll. Geht es nur um das Finanzierungsziel von 5000 Euro, das Autor und Verlag schon vorab erreichten? Nein, "Morgen mehr" soll kein sogenannter Crowdfunding-Roman sein; alles diene nur der Werbung der Literatur und ihrer nachhaltigen Verbreitung. Dazu gehört dann auch die Kooperation mit dem Goethe-Institut, das als Abonnent das Rammstedtische-Debakel für Sprachkurse in Johannesburg und Sao Paulo, Neu Dehli und Jerusalem seit Anfang dieser Woche nutzt.

Außerdem hat der Autor versprochen, sehr interessant zu scheitern. Ein bisschen seriöser gesprochen: Es soll auch um die Bedingungen des Schreibens gehen, um das pausenlose Erzählen und die Beobachtung, wie im täglichen Strom des Schreibens sich die Geschichte und vielleicht ihre Sprache wandelt. Tilman Rammstedt will das Wachsen dokumentieren, vielleicht auch das Schlingern, keinesfalls aber das Zerstückeln der Geschichte.

Sicherlich wird auch der Schreibdruck eine Rolle spielen, aber nur ein bisschen. Denn selbst seine "richtigen" Bücher hat er nach eigenen Worten immer nur hektisch gepinnt. Sein Verhältnis zum Verlag sei daher immer schon eine Mischung aus Resignation (des Autors) und Zweckoptimismus (des Lektors).

Worum es geht? Das ist Herrschaftswissen der Abonnenten. Im Vorfeld ließ der Schöpfer allerdings eine dubiose Inhaltsangabe verlauten: "Es ist Sommer 1973. Seit Jahren schon. Die Farben verblassen, die Musik leiert, und ein Mann sehnt sich nach der Zukunft. Er vermisst all das, was es noch nicht gibt: Navigationssysteme, Glutenintoleranz, die Nostalgie nach klareren Zeiten." Und so weiter. Das deckt sich ja beinahe mit dem tatsächlichen Romananfang vom Dienstag - den wir allen Nicht-Abonnenten jetzt verraten wollen: "Ich weiß alles. Ich weiß den Anfang, den Mittelteil und den Schluss", heißt es selbstbeschwörend, ehe es mit der famosen Lebensgeschichte des Erzählers weitergeht: "Ich weiß, dass ich zum Klang von Silvesterraketen zur Welt komme. Ich weiß, dass ich die Silbermedaille einer Randsportart gewinne und der Liebe meines Lebens im längsten Stau der Welt begegne." Das muss reichen.

Und es reicht tatsächlich, um im Leserforum - in das man über ein Kommentarfeld der Verlagsseite einsteigen kann - einige Furore zu entfachen. "Keine Fragen, nur Begeisterung", heißt es da. Oder auch "Rasanter Start!" und "Ich bin neugierig - also ein guter Anfang." Dabei lernt man auch, dass die Teilnehmer in Literaturforen doch aus anderem Holz geschnitzt sind als die Frechdachse auf den Pöbelplattformen. Stattdessen findet man Teilnehmer mit Namen wie "Hobbit", "Bücherwurm" und "Buchlieberin", die Tilman Rammstedt korrekt fragen, ob sie Tilman Rammstedt einfach duzen dürfen.

Vielleicht ist diese Euphorie auch einfach nur ein Zeichen von Dankbarkeit für die Chance der Teilnahme an etwas, das, so Rammstadt im ersten Kapitel, im Grunde "noch nicht losgehen kann". Das Problem des Ich-Erzählers: "Ich bin noch nicht geboren." Klassischer Cliff-Hanger mit erwartbarer Reaktion beim Konsumenten: "Hören Sie niemals auf zu schreiben", fleht "2morrow". Zu spät: Am 8. April endet die tägliche Schreibfron, Anfang Mai wird die Geschichte dann publiziert: als klassisches Buch, klassisch lektoriert und im klassischen Buchhandel. Das Ende eines Experiments der digitalen Literatur.

Quelle: RP
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