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Hamburg
"Uns geht die Wirklichkeit verloren"

Hamburg. "Die Feder eines Greifs" heißt der neue fantastische Roman von Cornelia Funke, einer der erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen der Welt Von Lothar Schröder

Die deutsche Joanne K. Rowling könnte man sie nennen. Aber eigentlich stimmt das gar nicht, weil Funke mit weltweit über 26 Millionen verkauften Büchern keinen Vergleich nötig hat, sondern einfach Cornelia Funke ist - und weil sie auch als deutsche Autorin nur bedingt durchgeht: Seit elf Jahren lebt die gebürtige Dorstenerin in Los Angeles. Aber dort seit ein paar Wochen auch schon nicht mehr. Wer sie besuchen will, muss jetzt nach Malibu aufbrechen.

Derzeit lassen sich die Reisekosten aber sparen, denn Cornelia Funke ist hierzulande auf Lesetour - mit ihrem neuen Buch, das ganz alte Wurzeln hat. Denn "Die Feder eines Greifs" - gestartet mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren - ist tatsächlich die Fortsetzung des schon 19 Jahre alten "Drachenreiters". Es ist ja nicht so, dass Funke die Geschichte - die in ihr immer noch rumorte - nicht schon längst weitererzählt haben wollte. Zwei-, dreimal hat sie es versucht; und was am Ende herauskam, nennt sie einen "kläglichen Abklatsch". Und das wollte sie dem "Drachenreiter", wie sie uns sagt, wirklich nicht antun.

Die nötige Fantasie kehrte erst mit einer App zu ihr zurück. Ausgerechnet. Aber was heißt das schon? Als gelernte Illustratorin entstammt sie ohnehin einer Tradition, in der Geschichten auch mit Bildern erzählt werden. Schrecklich neu sei das nicht, so Funke, und erinnert an Fresken auf alten Tempeln, die auch Geschichten erzählten. Jedenfalls hat die App, an der Funke mit etlichen Künstlern werkelte, ihr die vielen fantastischen Figuren wieder so nahe gebracht, dass die Zeit für eine Fortsetzung gekommen schien. Die Zeit für Ben, Barnabas und Fliegenbein also, die den Nachwuchs des letzten Pegasus retten müssen und dafür die Sonnenfeder eines Greifs brauchen. Ein Abenteuer beginnt, bei dem (nur so viel sei gesagt) eine fliegende Ratte, ein Fjordtroll und ein ziemlich nervöser Papagei mit von der fantastischen Partie sind. Der Rest ist Funke pur mit ihrem Universum, in dem sich über 130 mythische Wesen munter tummeln.

Dabei hat Funke weniger die Rettung der Fantasie im Blick. Ihr geht es darum, dass "wir den wirklichen Zauber in unserer natürlichen Welt stärker wahrnehmen". Nach ihren Worten wissen wir kaum noch etwas von Pflanzen und Tieren, die uns umgeben. "Wir haben uns geflüchtet in eine von Menschen geschaffene Welt und ignorieren einfach den Rest. Uns droht die Wirklichkeit verloren zu gehen." All die Fabelwesen sind nur Versuche der Menschen, mit Tieren reden zu können, was zwar nicht funktioniert, aber unser großer Wunsch bleibt. Als UN-Botschafterin für die biologische Vielfalt geht es ihr um all das, was Menschen nicht geschaffen haben. Was ohne uns da ist und am Ende die Welt ausmacht. Ihre Hoffnung ist, dass Kinder aus ihrem Buch auftauchen werden mit einer unglaublichen Neugier auf die Welt. "Und wenn sie anfangen, Frösche zu retten und Vögel zu schützen, dann wäre ich glücklich darüber."

Die Vielfalt zu bewahren und zu erkennen, heißt für Funke auch, dies im Zusammenleben anzunehmen. "Ich lebe in einem Land, das sehr international ist. Und ich liebe das, dass ich mit 120 verschiedenen Kulturen konfrontiert werde." Als Weltbürgerin empfindet sich Funke und betrachtet das "als ein Geschenk Amerikas".

Das sei keine Extravaganz, die sich Amerika da leistet, sondern eine Notwendigkeit unseres künftigen Zusammenlebens - "nämlich international zu denken und über alte Nationalitäten hinwegzukommen". Eine Christdemokratin ist sie nie gewesen, doch die Haltung Angela Merkels in der Flüchtlingsfrage bewundert sie. Dass ausgerechnet die konservative Kanzlerin an die alten nationalen Vorstellungen rüttelt! Europa, davon ist Funke überzeugt, müsse das einfach hinter sich lassen. "Es wird auf Dauer nicht möglich sein, immer nur an Nationalitäten festzuhalten, die sich erst vor wenigen Jahrhunderten entwickelt haben." Ihre Erfahrung ist, dass der Austausch mit anderen Völkern sie ungemein bereichert und als Künstlerin weitergebracht habe. "Und ich hoffe, dass auch die deutsche Kultur durch die Aufnahme der Flüchtlinge inspiriert und bereichert wird."

Mag sein, dass Cornelia Funke leichteres Reden hat als manch anderer. Mag auch sein, dass ihre Freiheit darin besteht, selbst zu entscheiden, von wem sie sich inspirieren lassen möchte. Wer ihre Vorstellungen von einem guten Zusammenleben der Menschen nur naiv oder typisch fantastisch nennt, unterschätzt, dass ihre Geschichten mehr als eine Belehrung sind: In ihr leben uns Fabelwesen eine hoffnungsvolle Welt vor. Und lesend sind wir die Mitbewohner von Ben und Co., die die Rettung des Pegasus dann doch nicht alleine hinkriegen. Sie bedürfen der Hilfe eines Drachens und eine Kobolds.

Quelle: RP
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